Druckschrift 
1 (1890)
Entstehung
Seite
530
Einzelbild herunterladen
 

530

abgebrochen, llieils zu parteiisch als dass mau sich daraus einezusammenhängende Vorstellung von der Sache hätte machen kön-nen. Auch haben die meisten Zeitungsschreiber diese Begeben-heiten, weil sie einen Staat betreffen, der seine Bürger nicht nachMillionen, sondern nur nach Tausenden zählt, nur obenhin berührtund bei dieser Gelegenheit einer dem andern nach, über das Reichvon Aachen (so nennt man nach einer alten Titulatur das Ge-biet der Stadt) gespöttelt. Es ist aber, um es mit dem gelindestenNahmen zu benennen, unpatriotisch, irgend einem deutschen va-terländischen Staate seine Kleinheit zum Vorwurf zu machen;während dass wir noch immer die zum Theil eben so kleinen, undin ihren Verfassungen und Schicksalen unsern Reichsstädten sosehr ähnlichen Freystaaten des alten Italiens, Griechenlandes undKlein-Asiens mit Bewunderung anstaunen. Auch ist es vielmehrtraurig als lustig, so ansehnliche Republiken wie Aachen, Nürn-berg und andere durch Luxus und innere Zwistigkeiten sich selbstzerrütten zu sehen, ehe sie noch die Stufe des bürgerlichen undmenschliehen Wohlstandes erreicht haben, zu der sie unter demSchutze des grossen deutschen Staatskörpers, dessen Mitglieder siesind, leichter und früher, als grössere, für sich bestehende Frey-staaten, gelangen könnten. Biese Gründe veranlassen mich, dieAachener Vorfälle, nach Anleitung der im 3 4sten Heft derSchlözerischen Staatsanzeigen davon gelieferten Acten-stücke, hier im Zusammenhange zu erzählen.

Grosse Veränderungen entstehen oft .aus kleinen Ursachen.So war in Aachen vor etwa anderthalb Jahren die Frage : ob eingewisser Haarkräuseier die Frau des regierenden Bürgermeisters,oder die eines reichen Nadellabric-anten zuerst bedienen sollte, under gab jener den Vorzug. Darüber fielen auf beyden Seiten an-zügliche Reden; die reiche Familie der Nadel-Fabrikantin hieltsich für beleidigt, und saun auf Rache. Eine zweyte Quelle desl'artheygeistes, der die Stadt zerrüttet, ist diese. In Aachen istbekanntlich eine der berüclitigslen Spielbuden von Europa, wo die

Fabriken, deren Waaren auf alle deutsche Messen und auch inandere europäische Länder verführt werden. Die ansehnlichen Tuch-fabriken liefern die treflichsten Tücher aus spanischer Wolle, undfertigen jährlich 1012000 Stück, jedes zu 100 Brabantcr-Ellen, anWerth von 2 Mill. Thalern. Die Tapetenfabriken, SeifensiedereyenFärbereyen, Vitriolfabriken etc. sind auch beträglich. Die Abgabensind gering, und die Gewerbe haben viele Freyheiten: nur sind siein vorigen Zeiten durch die Intoleranz der seit 1614 daselbst herr-schenden katholischen Glaubensparthey sehr herabgesunken, undleiden noch imter diesem Drucke.