02
belehren mich würdigen magst, mit freudigem Herzen,geneigtem Willen und ohne Eifersucht mitthcilen werde.Ich mögte jedoch serner auch darum Dich gebeten haben,daß Dn Deinen Ecltis auf keinen Fast früher in unserSprachzimmcr führest, ehe Du mich nicht unterrichtet hast,wie ich mit einem so großen Philosophen reden muß; dennich bin gleichsam ein Knabe in solchen Dingen, und ver-stehe das Sprechen nicht recht. Uebrigens glaube ich nicht,daß mein ungelehrtcr, und etwas schnell ans der Federhingeworfener Brief, ihm dermal besonders angenehmgewesen seyn werde, besonders der darin einverwebtcnVermahnnng willen; doch habe ich es mit redlichem Ge-müthe und in gerader, schlichter Meinung gethan, undglaube, daß es einem Menschen immer mehr nützen alsschaden könne, den Tag des Todes hie und da vor Augenzu haben. Du selbst hast mich aufgefordert, kühnen Her-zens zu schreiben; stoße ich mit meinem Gehorsam nunan, so ist es Deine Pflicht, mein Auwald zu sepn. Uebri-gens erstatte ich Dir meinen herzlichsten Dank, liebsterBruder, und nicht nur mein Bruder, sondern auch meingetreuster Vater, für all das Wohlwollen und die Gut-thaten, die Du ans die großmüthigste Weise unserm Kon-vent erzeigt, und hoffe, daß Du unvcrweilt Deinen vollenLohn in der Wiedervergeltung empfangen werdest, die derHerr den Gerechten mit den Worten verspricht: „Wasihr einem der Geringsten der Meinigcn gethan habt, dashabt ihr mir gethan." Er bewahre auch Deine Seele undDeinen Leib in Ewigkeit und darüber. Grüße in meinemund Klara's, unserer gemeinschaftlichen Schwester, Na-men Dein biederes, keusches Weib. Lebe wohl!