Rechte 1808 aufgehoben und die Bewohner derselben kamenvon jetzt an unter die Botmäßigkeit des Stadt-Magistrats.
Was nun die Neustadt Hildesheim anbetrifft, so entstanddieselbe aus einigen durch Brand und Krieg zerstörten, unfernbei der alten Civitas Hildesheim gelegenen kleinen Ortschaften,deren Inwohner ihren alten Heerd verlassen und sich näher beidem ummauerten Bischofsitz angesiedelt hatten. Mit Ueberein-stimmung des Kaisers Friedrich l. und des hiesigen BischofsAdelog von Dorstadt kamen sie unter die Gerichtsbarkeit deszeitigen Dompropstes, auf dessen liegenden Gründen sie ihreWohnplätze gefunden und mußten dafür jährlich einen Werthzinszahlen. — In einer vom Bischof Conrad II, im Jahre 1221ausgestellten Urkunde kommt die Neustadt unter der Bezeichnung„noua ciuitas npnck liilüensem" vor und ein später eingesetzteraus sechs Nathmäunern bestehender Magistrat regierte die Bürgerbis zum Jahre 1583, wo die Vereinigung beider Städte, wiegesagt, erfolgte und ein neues Magistrats-Pcrsonal angeordnetwurde, das die bürgerliche und peinliche Gerichtsbarkeit aus-übte. Dem zeitigen Dompropst mußte jedesmal nach seinerWahl der Huldigungseid geleistet werden, mit der Suppressiondes fürstbischöflichen EpiScopats zerfiel aber auch dessen Gerichts-barkeit.
Hildesheim fiel mit seinen Stiftslanden der Krone Preussenanheim und am 3. August 18<»2 nahm der General Graf vonder Schulenburg-Kehnert Namens Sr. Maj. Friedrich Wil-helm III. Besitz von demselben. Im Jahre I8t>7 wurde dasHochstift (31. JuliuS, — Morio) dem Königreiche Wcstphalcnbeigelegt und 1814 dem hannoverschen Königthums einverleibt.
Die Stadt Hildesheim steht an Menge und Zweckmäßig-keit ihrer Anstalten für Bildung und Erziehung der Jugend,für Kunst und Wissenschaft wohl keiner Stadt ähnlicher Größenach. Außer einem lutherischen und einem katholischen Gym-nasium, neben lctzterm liegt das ehemalige Jesuiten- jetzt bi-schöfliche Collegium, hat sie eine öffentliche und zwei Gymnasial-Bibliothcken, eine Taubstummenanstalt, zwei höhere Töchter- undeine Realschule. Wohlthätigkeitsanstaltcn sind in Menge vor-handen: denn es bestehen hier außer dem Georg's- und Ro-land's-Stifte für Damen, 15 Hospitäler, zwei Waisenhäuser,eine große Armcnanstalt und viele andere Vermächtnisse fürArme und Nothleidcnde — patriotische Stiftungen einer längstverschwundenen Zeit.
Betrachten wir nun Hildesheim's Handel und Wandel inVergleich mit dem frühern von seinem jetzigen Standpunkte aus,so ist es natürlich, daß dieser immer mehr und mehr in Stockengerathen muß: denn durch die Verweltlichung des Bisthumösind der Stadt nievernarbendc Wunden geschlagen. Der fürst- !bischöfliche Hofhalt, das reiche aus 42 Mitgliedern bestandeneDomcapittel, das gegenwärtige zählt nur K Capitulare» undeinen Dechant, vier bemittelte Collegiat-Stiftc und mehre Klöstergaben dem Bürger und Schutzmann Verdienst und Arbeit, jetztaber wo der Bürger nur vom Gewerbe, Handel und Gastwirth-schaft lebt, und von Außen wenige Geldquellen herbeifließen,
ist eS natürlich, daß die Handels- und Gewcrbsvcrhältnisseeiner trüberen Zeit entgegen gehen müssen. Das einzige Ge-schäft, wodurch besonders die ärmere Classe ihren täglichenErwerb noch hat, ist das Flachsspinnen; Ackerbau wird hierauch betrieben, allein die Stadt besitzt nur zu wenig liegendesGrundcigenthum.
Was nun das öffentliche Leben der Hildcsheimer anbe-trifft, so ist es gegenwärtig mehr in einem steifen, hofartigenTone ausgeartet, früher war es einfach und gesellig; außerdem sogenannten Freischießen findet kein Volksfest Statt. Inden jährlich wiederkehrenden Wintcrmonaten bestehen Harmonie-und Casino-Gesellschaften zu geselligen Vergnügungen, auchConcerte werden mitunter gegeben; allein Theater ist nur dann,wenn eine wandernde Schauspielertruppe bei uns einkehrt.
Hildesheim's nächste Umgebungen laden wegen ihrer ro-mantischen Parthicn zu Spaziergängen ein, besonders da diealten Stadtgräben größtcnthcils in Gärten und die theilwewabgetragenen hohen Wälle in Lindenalleen umgewandelt sind.Was hier und da die Mutter Natur vergessen hat, ist nachund nach noch durch Kunst hinzugefügt worden. Die westlicheUmgegend von HildeSheim mit dem anmuthig gelegenen Berg-flccken Moritzberg (im Jahre 1028 gründete hier St. Godehard,Hildesheims vierzehnter Bischof eine Feste mit einem Bethanse)dem Dorfe Himmelsthür und der mehr nördlich liegenden altenBischofsburg Steurwaldt gewähren dem Lustwandelnden einenhöchst malerischen Anblick. Die ganze Gegend ist eben so schönals fruchtbar. — Der schönste Punkt für Spaziergänger istunstreitig das Bergholz, welches neben dem Stündchen vonHildeSheim gelegenen Moritzberge liegt; von hier aus hat maneine reizende Aussicht auf die altehrwürdige Bischofsstadt unddas fernsehende Auge gcwabrt nordöstlich Ortschaften mit Baum-gruppen untermischt, östlich bald kahle bald bewaldete Berge,und südöstlich durch fette Wiesen, Thäler und Bergschluchtendie gleichsam in bläulichen Nebel gehüllten Harzgebirge, ausderen äußersten Gipfeln das Firmament zu ruhen scheint.
Entferntere Oerter sind der Klingenberg, Marienrode,Beaulicuöhöhe; der Uppener-Paß, in dessen Nähe eine waldigeAnhöbe der Knebel genannt, eine sehr romantische Aussicht ge-währt; das drei Stunden von HildeSheim gelegene gräflicheSchloß Dcrneburg (zuvor eine Cistcrcicnser-Abtei) mit herrlichenAntiken und Kunstsammlung; die gräfliche stolberg'sche BesitzungSödcr mit einer sehenswerthen Gcmäldegallcric und unfern vondort die theilwcis gut erhaltenen Burgruinen der Nangrafen vonWoldcnbcrg, dessen letzter Sprößling Gerhard im Jahre 1383das Zeitliche segnete. — Schließlich ist hier noch des zweiStunden östlich von Hildeshcim liegenden berühmten Wallfahrts-ortes „Ottbergcn" mit seinem Kreuzberge, der mit mehren desHeilandes Leiden vorstellenden Vilderhäuschen und mit einerkleinen Kirche sehr romantisch geschmückt ist, zu gedenken. Vonder Höhe dieses Berges aus hat man eine fast unbegränzteAussicht auf die große nordische Ebene des Königreichs Han-nover und des Herzogthnms Braunschweig.