Tübinge n.
^Inf dem Tübinger Schloßberge stand sehr wahrscheinlichein römisches Kastell, auf dessen Trümmern dann die BurgTübingen erbaut wurde, die nebst dem benachbarten Schön-buchwalde zum Reichsgut gehörte. Vom Reiche erhielten Burgund Wald zu Lehen die Pfalzgrafcn von Schwaben, deren Ahn-herr Rudolph schon 858 vorkommt; ihr Hauptzweig starb imzwölften Jahrhundert aus; länger blühten die Nebenzweige derDynasten von Ruck und Grafen von Tübingen und der Gra-fen von Helfenstein. Die ersteren erscheinen als Grafen inAmmer- und Nagoldgau schon im zehnten und eilften Jahr-hundert; Graf Hugo IV. leistete 1079 in seinem Schloße Tü-bingen dem König Heinrich IV. so kräftigen Widerstand, daßdieser unverrichteter Dinge wieder abziehen mußte, sein SohnHugo V. erlangte, nach dem Auösterben des Hauptzweigs,1148 die Pfalzgrafen-Würde und seitdem nannte sich seiiss Ge-schlecht Pfalzgrafen von Tübingen. Pfalzgraf Hugo VI. gericth1164 in eine Fehde mit den Welsen, er schlug bei Tübingenden Herzog Welf VII., mußte sich jedoch auf der Fürstenver-sammlung in Ulm seinen Gegnern unterwerfen und ins Ge-fängniß wandern, aus welchem er erst nach drei Jahren wie-der los kam. Mit seinem Sohne Rudolph I. begann der Ver-fall dieses so reichen und mächtigen Geschlechts, herbeigeführtdurch verschwenderische Haushaltung, häufige und kostbare Feh-den, allzugroße Freigebigkeit gegen Kirchen und Klöster undöftere Theilungen. Selbst Tübingen mußten die Pfalzgrafen1342 an Württemberg verkaufen und nahmen imn auch denblosen Grafentitel an; mit dem Grafen Georg Eberhard starb1631 ihr legitimer Stamm aus, nur ein natürlicher Sohnseines Bruders Konrad, Johann Georg von Tübingen über-lebte ihn und starb als Schloßhauptmann in Tübingen den3 November 1667.
Die Stadt Tübingen entstand, indem sich Dienstleute undLeibeigene der Pfalzgrafen unterhalb des Schloßes nieder ließen,sie war schon 1164 befestigt und hatte 1228 eine Münze, vonwelcher noch jetzt die Münzgasse den Namen führt, 1280 ver-zehrte eine große Feuersbrunst in Tübingen 150 Gebäude.Unter württcmbergijcher Herrschaft kam die Stadt sehr empor,besonders durch den Grafen Eberhard im Bart, welcher siesehr begünstigte. Hier wurde am 8. Julius 1514 der TübingerVertrag geschlossen, der Hauptgrundpfeiler der früheren würt-
tembergischen Verfassung. Schon 1534 wurde die Reforma-tion in Tübingen eingeführt, 1548 aber der Stadt das Inte-rim aufgedrungen, welches erst 1552 wieder aufgehoben wurde.Die Leiden des dreissigjährigen Krieges traffen Tübingen erstseit dem Jahr 1634 härter, doch entging es völliger Plün-derung und Zerstörung. Beim Einfall der Franzosen 1688rettete es die Klugheit und der Muth des Professors JohannOfiander von größeren Bedrängnissen. Durch Seuchen undFeuersbrünste wurde die Stadt öfters heimgesucht, der bedeu-tendste Brand war am 4. August 1771.
Die Stadt liegt am AbHange des Schloßbergcs und er-streckt sich von da auf einer Seite herab ins Ammerthal, aufder andern ins Neckarthal, in den Jahren 1450 und 1482 wurdeder östlich von der Stadt gelegene Oesterberg durchgraben undvon der Ammer aus ein Kanal in den Neckar geleitet, dernun die untere Stadt durchströmt. Im Innern ist die Stadtdaher auch nichts weniger als anmuthig, sie hat krumme undmeist enge Straßen, alte Häuser, und lange Zeit hielt sie sichinnerhalb ihrer jetzt erst zum Theil abgebrochenen Thore, bissie, diese Schranken durchbrechend, sich gegen mehrere Seiten hinausbreitete und nun in ziemlich rascher Vergrößrung begriffen ist.
Von Sehenswürdigkeiten ist zuerst das Schloß anzufüh-ren, welches in seiner jetzigen stattlichen Gestalt erst HerzogUlrich erbauen ließ (1507 — 1535) und Herzog Friedrich I.durch ein Vorwerk mit schönem Portal vollendete. Es hat eineherrliche Lage mit wunderschöner Aussicht, in dem geräumigenKeller liegt das sogenannte große Buch von Tübingen, ein286 württembergische Eimer enthaltendes, 1548 verfertigtesFaß, auch ist ein sehr tiefer Brunnen hier. In dem Gebäudeselbst, das einen viereckigen Hof einschließt, befindet sich auf dereinen Seite der sehr geräumige und hohe Bibliotheksaal, einst dasZeughaus und der Rittersaal, auf der andern das neuerdingssehr stark vermehrte Naturalien-Kabinet, der physikalische Appa-rat und die Schloßkapelle, ein gegen die Stadt hinstehenderrunder Thurm enthält die Sternwarte. In der Stadt selbstsind zu bemerken: Die Stifts- oder St. Georgen-Kirche, derenneuer Aufbau im spätern gothischen Style 1470 begann, erst1529 aber ganz vollendet wurde, und in deren Gruft mehrerewürttembergischen Fürsten begraben sind, die 1818 eingerichtetekatholische Kirche, das 1435 erbaute Nathhaus, mit einem