103
Versuchen wir indefs ihrer Bedeutung näher zu kommen. Zu Olympiaverehrte man im Prytaneum eine ammonische Juno T ); Pausanias, der dasOrakel des Ammon besucht hatte 2 ), wodurch sein Zeugnifs hier doppeltesGewicht erhält, begleitet jene Nachricht mit der Bemerkung, diese Junogehöre zu den libyschen Gottheiten, denn es hätten die Eleer seit den älte-sten Zeiten das Orakel Ammon's befragt und bei demselben Altäre geweihtNun entsprach zwar nach Herodot keine ägyptische Göttin der griechischenJuno 3 ); wir sehen indefs aus jener Angabe, dafs Ammon in Libyen Göt-ter zu Tempelgenossen hatte, unter denen sich ein hohes weibliches Wesenbefand, das man der Juno vergleichen konnte. Eine deutliche Spur ver-räth uns, dafs es Venus war.
Zu Dodona kannte man als Tempelgenossin des weissagenden Jupiternicht die Juno, sondern Dione 4 ). Hier an eine blos zufallige Verschie-denheit zu denken, wozu die grammatische Bildung des Namens allerdingsauffordern könnte s ), verbietet die ausdrückliche Nennung der Venus, alsMitinhaberin des dodonäischen Orakels neben Jupiter 6 ). Da nun dieseseine frühe Kolonie 7 ), oder, wofern man die Priestersagen nicht annehmenwill, doch eine Nachahmung des thebäischen und ammonischen Orakels war e );so wird nichts natürlicher, als jene merkwürdige Abweichung vom griechi-schen Tempelritus, in einem der ältesten Heiligthümer, aus dem Festhaltendes ausländischen Vorbildes abzuleiten, das bei so geheimnifsvollen Dingenunerläßlich scheinen mufste. Auch in Libyen war ohne Zweifel also Venus-Dione die Tempelgenossin (3-sa avvvaoi;) des orakelnden Jupiter, und dieseGöttin sehen wir hier neben ihm dargestellt.
1) Pausan. V, 15. 2) L. IX, 16. 3) Herodot. II, 50.
4) Dernost/i. in Midiam c. 15. Strabo l. VII. fin.
5) Man sehe bei der angeführten Stelle des Demosthenes Bnttmann's geistreiche Anmerkungüber die griechischen Götternamen.
6) Servius zu Virg. Aen. III, 466. 7) Herodot. II, 54 — 56.
8) Herodot. II, 58.