XI.VII
Gedanken.
Äie Griechen bildeten ihre Schönheit wie die Natur.Diese würde nach der ihr von dem Schöpfer eingepflanze-ten Wirkung, welche auf das Beste und Vollkommenstezielet, aus einer ihrer Absicht gemäßen Anlage, schöneMenschen bereiten, wenn sie die Frucht in der Mutter freivon allen gewaltsamen Zufällen und ohne Störung hefti-ger Leidenschaft bilden könnte.
In dieser Absicht sucheten die ersten großen Künstler dieKöpfe und den Stand ihrer Götter und Helden rein vonEmpfindlichkeit und entfernt von innerer Empörung in ei-nem Gleichgewicht des Gefühls und in einer friedlichen,immer gleichen Seele vorzustellen.
Die Regeln der Proportion, selbst in der Baukunst,sind von den Bildhauern genommen. Denn ehe die Höheder Säulen von den Doriern auf sechs Durchmesser gefezetwurde, wie es scheinet nach dem Verhältniß der ältestenStatuen, an welchen die Länge des Fußes der sechste Theilihrer Höhe war, hatten ihre Säulen noch wenig von einerschönen Form, und da die Höhe derselben noch nicht be-stimmt genug war, gab man ihnen eine kegelförmige Ver-jüngung, wie an den drei uralten dorischen Tempeln zuPesto am salernitanischen Meerbusen zu sehen ist.
Der Fuß war bei den alten Griechen die Regel in allengroßen Ausmessungen, und die alten Bildhauer bestimmten,(LcU. I. c. I.) nach der Länge desselben die Maße ihrerStatuen, und gaben ihnen 6 Längen des Fußes, wieWitruv bezeuget.