Druckschrift 
1 (1825)
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Von der

Gratie in Werken der Kunst.

Z. i. Aie Gratie ist das vernünftig Gefäl-lige. Es ist ein Vcgrif von weitem Umfange,weil er sich auf alle Handlungen erstreket. DieGratie ist ein Geschenk des Himmels/ abernicht wie die Schönheit: dcii er ertheilet :"ir dieAnkündigung und Fähigkeit zu derselben. Siebildet sich durch Erziehung und Überlegung/und kaii zur Natur werden / welche dazu geschaffenist. Sie ist ferne vom Zwange und gesuchtenWize; aber es erfordert Aufmerksamkeit undFleiß/ die Natur in allen Handlungen/ wo siesich nach eines jeden Talent zu zeigen hat/ auf denrechten Grad der Leichtigkeit zu erheben. Inder Einfalt und in der Stille der Seele wir-ket sie/ und wird durch ein wildes Feuer und inaufgebrachten Neigungen verdunkelt. AllerMenschen Thun und Handeln wird durch dieselbe an-genehm/ und in einem schönen Körper herschet siemit großer Gewalt. Xenophon war mit derselbenbegäbet; Thucydides aber hat sie nicht gesuchet.In ihr bestund der Vorzug des Apelles/ und deÄCorreggioin neueren Zeiten/ und M i ch el Angelahat sie nicht erlanget: über die Werke des Altertumsaber hat sie sich allgemein ergoßen/ und ist auch indem Mittelmäßigen zu erkennen.

§. 2. Die Kentniß und Beurtheilung der-Gratie am Menschen und in der NachahmungWinckelmaki.