Druckschrift 
1 (1825)
Entstehung
Seite
82
Einzelbild herunterladen
 

§. 56. Die mehresten erhobenen Arbeiten derAlten sind beinahe ganz freistehende Figuren/ derenvölliger Umriß unterarbeitet ist. Nun sind aber er-hobene Arbeiten erlogene Bilder/ und/ zufolge derAbsicht ihrer Erfindung/ nicht die Bilder selbst/ son-dern nur eine Vorstellung derselben; und die Kunst/in der Malerei sowohl als in der Poesie/ bestehetin der Nachahmung. Alles'/ was durch dieselbewirklich und körperlich nach seiner Maße also würdehervorgebracht werden/ wie es in der Natur erschei-net/ ist wider das Wesen der Kunst. Sie soll ma-chen/ daß das'/ was' nicht erhoben ist/ erhobene undwas erhoben ist / nicht erhoben scheine.

§. 57. Aus diesem Grunde sind ganz hervorlie-gende Figuren in erhobenen Arbeiten eben so anzu-sehen/ als feste und wirklich aufgeführte Säulen un-ter den Verzierungen eines Theaters'/ welche bloswie ein angenehmes Blendwerk der Kunst als solcheunserem Auge erscheinen sollten. Die Kunst erhalthier/ so wie jemand von der Tragödie gesaget hat/mehr Wahrheit durch den Betrug/ und Unwahrheitdurch Wahrheit. Die Kunst ist eS/ welche machet/daß oft eine Copie mehr reizet/ als die Natur selbst.Ein natürlicher Garten/ und lebendige Bäume aufder Scene eines' TheaterS/ machen kein so angeneh-mes' Schauspiel/ als wen dergleichen durch Künstler-Hände glüklich dargestellet werden. Wir finden mehrzu bewundern an einer Rose von van Huysum/oder an einer Papöl vonVeerendaal/ als an de-nen/ die der geschikteste Gärtner gezogen hat. Einecntzükende Landschaft in der Natur/ ja das glükse-lige thessalische Tempe selbst/ wird vielleichtnicht die Wirkung auf uns machen/ die Geist undSinne bei Betrachtung eben dieser Gegend durchden reizenden Pinsel eines DieterichS erhaltenmüßen.