Aufruf
des
allgemeinen deutschen Sprachvereins.
Im Mai 188S unterzeichnete Herman Riegel die für unsere Bestre-bungen, grundlegende Veröffentlichung „Der allgemeine deutsche Sprachver-ein" als Ergänzung seiner Schrift „Ein Hauptstück vou unserer Muttersprache,Mahnruf au alle national gesinnten Deutschen," Im August 1885 erließ erin Verbindung mit Gefinuungsgcnvsfen den „Aufruf zur Gründung des all-gemeinen deutsche» Sprachvereins", und im September desselben Jahrestrat der erste Zweigvereiu, der zu Dresden, ins Leben,
Der allgemeine deutsche Sprachverein will
den echten Geiftund das eigentümliche Wesen derdentschenSprachepflcgeu,Liebe und Verständnis für die Muttersprache wecken, den Sinn für ihre
Reinheit, Richtigkeit, Deutlichkeit uud Schönheit beleben, demgemäßihre Reinigung von unnötigen fremden Bestandteilen fördern, undauf diese Weise daS nationale Bewußtsein im deutschen Volke krästigeu. (Satzung 1,)linser Verein will das sprachliche Gewissen im Volke wecken, ans daß einjeder Deutsche in berechtigtem Stolze auf feiue Muttersprache eine Ehre dar-eiu setze,' möglichst reiu uud gut deutsch zu sprechen und zn schreiben. Er willnicht sowohl gelehrte, sprachwissenschaftlicheZieleverfolgen, als vielmehr imDienste des vaterländischen Gedankens arbeiten, damit möglichftüberall undimmer unsere Sprache rein nnd richtig zum Ausdruck komme. Zu Anfangdieses Jahrhunderts, als das tausendjährige römisch-deutsche Reich in Scher-ben ging, als nnser nationales'Dasein in Frage stand nnd die fremden Er-oberer unseren Boden allenthalben überfluteten, da war die deutsche Mutter-sprache das letzte Baud, das uns uoch zusammenhielt, — ja, nicht alleinzusammenhielt, sondern anch die Form bot, in der die Werke unserer großenDichter und Weisen gerade damals Gestalt annahmen nnd die deutsche Volks-seele ueuem Leben erweckten. Und heute, nachdem diese Geisteswerke dasGemeingut des gauzeu Volkes geworden find, nachdem das Reich von neu-em machtvoll erstanden ist, heule uoch stickt man in unsere Sprache, in diesesunschätzbare und e d ele Gut des deutschen Volkes, fortwährend fremde Lappenein, als wäre es eiu Hauswurfteukleid. Wüstem Unkraut gleich wuchert innnserem Sprachschatze ein fremdes, eingeschlepptes Siebentel.
Wie das Übel gekommen uud wie es gewachsen, das lehrt die Geschichte.Es ist der Begleiter uud der sprachliche Widerschein unseres nationalen Ver-falles gewesen. Aber von jeher haben tapfere deutsche Männer die Schmachempfunden und feit Jahrhunderten gegen die sprachlichen Mißbrauche an-gekämpft, leider—bis vor kurzer Zeit — ohne durchschlagenden, ohue blei-benden Erfolg. Jetzt endlich ist mit dem politischen Aufschwünge des deut-scheu Volkes auch das Sprachgewissen wieder lebendiger geworden, und dieSprache ihrerseits soll diesen Aufschwung durch Rückkehr zu ihrem wahrenWesen und echten Geiste widerspiegeln. Darnm haben wir Hand angelegt inderHoffuung, daß der dauernde Erfolg mit uus feiu werde.
Fortsetzung auf der 3. Seite des Umschlags.