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Physiologie des Geschmacks oder Physiologische Anleitung zum Studium der Tafelgenüsse
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Dämmerschlaf. 183

schlafen, und dann hat er, wie alle Leidenschaften, die ver-derblichsten Wirkungen: Faulheit, Trägheit, Abschwächung,Verdummung und Tod.

Die Schule von Salerno erlaubte nur sieben StundenSchlaf ohne Unterschied des Alters und Geschlechtes. DieseLehre ist zu streng: man muss den Kindern aus Bedürf-niss und den Frauen aus Gefälligkeit etwas mehr zugeste-hen; aber ganz gewiss muss man mehr als zehn Stundenim Bette zugebracht als einen Missbrauch ansehen.

In den ersten Augenblicken des Dämmerschlafes dauertder "Wille noch fort; man kann sich erwecken, das Augehat noch nicht alle Macht verloren. Non omnibus dormio,sagte Mecenes; mancher Ehemann hat in diesem Zustandetraurige Gewissheiten entdeckt. Es kommen auch nocheinige Gedanken, aber sie sind unzusammenhängend; manhat zweifelhafte Lichtblicke; man sieht schlecht umgrenzteGestalten vor den Augen tanzen. Dieser Zustand dauertnur kurz; bald verschwindet Alles; jede Bewegung hört aufund man verfällt in festen Schlaf.

Was treibt dio Seele unterdessen? Sie lebt in sich; —wie der Pilot bei Meeresstille, wie ein Spiegel im Dunkeln,wie eine Leier, die Niemand schlägt, harrt sie neuer Beize.

Einige Psychologen, unter anderen Graf von Redern,glauben indessen, dass die Seele ununterbrochen thätig istund führen als Beweis an, dass jeder Mensch, den man imersten Schlafe gewaltsam aufweckt, eine Empfindung hatwie Einer, den man irgend einer lebhaften Beschäftigungentzieht.

Diese Beobachtung ist nicht ungegründet und verlangteine aufmerksame Bestätigung.

Uebrigens dauert dieser Zustand vollständiger Vernich-tung nur kurze Zeit an, höchstens 5 bis 6 Stunden; die Ver-luste ersetzen sich nach und nach, ein dunkles Gefühl derExistenz erwacht aufs Neue und der Schläfer versetzt sichin das Reich der Träume.

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