Druckschrift 
Physiologie des Geschmacks oder Physiologische Anleitung zum Studium der Tafelgenüsse
Entstehung
Seite
176
Einzelbild herunterladen
 

176

Marschall Augereau.

Bei jungen Leuten ist die Verdauung häufig von leich-tem Frösteln und bei Alten von Schlaflust begleitet.

Im ersten Falle zieht die Natur die Wärme von derOberfläche zurück, um sie im inneren Laboratorium zu ver-wenden ; im zweiten Falle kann die durch das Alter ge-schwächte Kraft nicht zu gleicher Zeit mehr die Arbeit derVerdauung und die Erregung der Sinne bewältigen.

Es ist gefährlich, sich in der ersten Verdauungszeit gei-stigen Arbeiten, noch gefährlicher, sich Liebesgenüssen hin-zugeben. Der Strom, welcher zu den Kirchhöfen derHauptstadt führt, bringt alljährlich hunderte von Men-schen dorthin, welche nach einem guten oder allzu-guten Abendessen Augen und Ohren nicht zu schliessenvermochten.

Diese Beobachtung enthält eine Warnung selbst für dieJugend, die Nichts achtet; einen Rath für die reifen Män-ner, die vergessen, dass die Zeit nie still hält; und ein Straf-gesetz für diejenigen, die auf der abschüssigen Seite derfünfziger Jahre stehen (on the wrong side of fifty).

Einige sind während der ganzen Zeit, wo sie verdauen,ärgerlich; man darf ihnen dann weder Projecte vorlegen,noch Begünstigungen verlangen.

Zu diesen gehörte der Marschall Augereau; in der er-sten Stunde nach dem Essen mordete er Alles, Freund undFeind.

Ich hörte ihn eines Tages sagen, es gäbe in der Armeezwei Leute, die der General immer erschiessen lassen könne,den Obercommissair und den Chef des Generalstabes. Beidewaren gegenwärtig; der General Cherin antwortete etwasmatt, doch nicht ohne Geist; der Obercommissair sagtenichts, dachte aber vielleicht um so mehr.

Ich war damals dem Generalstabe des Marschalls zuge-theilt und hatte stets mein Gedeck an seinem Tische; ichkam aber selten, weil ich diese periodischen Stürme fürch-tete; ich besorgte, auf ein Wort von ihm, im Arrest ver-dauen zu müssen.