Druckschrift 
Physiologie des Geschmacks oder Physiologische Anleitung zum Studium der Tafelgenüsse
Entstehung
Seite
153
Einzelbild herunterladen
 

Essvergnügen.

153

Später, als das Menschengeschlecht sich weiter verbreitethatte, setzte sich der ermüdete Wanderer zu diesen Ur-Mahlenund erzählte von fremden Gegenden. So entstand die Gast-freundschaft mit ihren bei allen Völkern geheiligten Rech-ten; denn selbst die wildesten Stämme halten es für einePflicht, das Leben derjenigen zu achten, mit denen sie Brotund Salz getheilt haben.

ßeim Mahle entstanden und vervollkommneten sich dieSprachen, theils weil die Gelegenheit zur Vereinigung stetssich wiederholte, theils auch weil die Ruhe bei und nach derMahlzeit von selbst zu Vertraulichkeit und Geschwätzigkeithinführt.

Unterschied zwischen dem Essvergnügen unddem Tafelvergnügen.

73. Der Natur der Dinge nach mussten in Obigem dieGrundlagen des Tafelverguügens bestehen, das man von demEssvergnügen, welches ihm vorausging, wohl unterscheidenniuss.

Das Essvergnügen ist die wirkliche und directe Em-pfindung eines Bedürfnisses, dem man genügt.

Das Tafelvergnügen ist die reflectirte Empfindung, dieaus verschiedenen Umständen der Thatsachen, der Oertlich-keit der Dinge und der Personen hervorgeht, die bei demMahle mitwirken.

Das Essvergnügen ist uns mit den Thieren gemein; esbedarf dazu nur des Hungers und dessen, was zu seinerStillung nöthig ist.

Das Tafelvergnügen gehört dem Menschen eigenthümliehan; es bedarf vorgängiger Besorgung der Zubereitungen zumMahle, zur Wahl des Ortes und zur Versammlung derTheilnehmer.

Das Essvergnügen verlangt, wenn nicht Hunger, so dochwenigstens Appetit; das Tafelvergnügen ist häufig vonbeiden unabhängig.