Druckschrift 
Physiologie des Geschmacks oder Physiologische Anleitung zum Studium der Tafelgenüsse
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

AnHerrn Eduard Vieweg.

Lieber Freund!

Zehn Jalire sind fast verflossen, seit wir an einem rauhenNovembertage in Genf beisammen sassen und von gemein-schaftlichen Plänen, herauszugebenden Werken und Welt-händeln jeder Art uns unterhielten. Die Stunden verstrichen,fast ohne dass wir es bemerkten, und wir waren so sehr inunsern Gegenstand vertieft, dass der Abend schon weit indie Nacht vorgerückt war, als eine augenblickliche Pauseeintrat. Ich fühlte einigen Hunger, und als ich Ihnen insGesicht sah, bemerkte ich darin eine schmerzliche Verände-rung, eine Senkung der Mundwinkel, eine Erschlaffung derAugen, ein unterdrücktes Gähnen. „Wie spät ist es denn,"fragten Sie, nach der Uhr greifend. „Ich glaube, ich habeHunger!" „Ich wollte Ihnen dieselbe Bemerkung machen,"erwiederte ich, „und Ihnen vorschlagen, einen Imbiss zunehmen." Sie griffen nach dem Klingelzuge, ich hielt Siezurück. „Nicht hier!" sagte ich. „Was wird man uns indiesem Hotel ersten Ranges geben? Ein Stück kaltesRoastbeef, das schon um halb Eins für Einheimische undDeutsche, um fünf Uhr für Franzosen und Engländer auf-getragen wurde, oder ein Stück bleichsüchtig patriotischenKalbsbratens, dessen Fäden wir uns nachher aus den Zähnenherausstochern müssen! Kommen Sie mit mir und verlassenSie sich auf meine Localkenntniss."