Die historische Wahrheit wird ruhiger urteilen: in dem Volte,das zwischen dem Nheine und der Sprachgrenze wohnt, steckt reich-lich fremdes Vlut, die Kulturerbschaft ist stark und wird von denGebildeten auch durchaus dankbar gefühlt. Jenseits der Sprach-grenze wohnt aber ebensowenig ein Volk reinen Blutes. Wie derStaat und das Volk sich nach dem siegreichen deutschen Volkestamm nennt, wie ein großer Teil der Ortsnamen germanischenUrsprunges ist, so hat das Vlut germanischer Gefangener, Kolonen,Eindringlinge, Eroberer, Sieger und' Großgrundbesitzer in demfranzösischen Volke wohl ebensoviele Vlutspuren hinterlassen wieumgekehrt die Kelten und Nömer im Germanischen, und diese ger-manischen Könige, Grafen und Herren brachten staatliche Ge-danken, Überlieferungen und Einrichtungen nach Frankreich, diedes Landes und Volkes Recht und Verfassung ebenso tief beein-flußt haben, wie es die Kelten und die Nömer getan haben. In derfranzösischen Geschichtschreibung und Forschung wird der jetzigekeltische Übereifer bald wieder abnehmen.
Doch wie sonderbar! Das französische Volk hat in den Tagenseiner großen Revolution sich als nationalen Staat begründet,die anderen Völker haben dieses edle Vorbild aufgenommen undjedes emporstrebende Volk verlangt nach seiner Staatwerdung underspäht in seiner Sprachgrenze den Amfang des Gebietes, auf dassonst niemand Anspruch habe.
Man sollte meinen, diese französisch-deutsche Sprachgrenzemüsse in Frankreich eine Partei haben, müsse unter den gelehrtenVertretern der Nevolutionsprinzipien eifrige Freunde zählen! Undin der heutigen Entente, die ja die Zauberformel: „Schutz den Na-tionen, vor allem den kleinen", immer noch zu verkündigen wagt,müßte Vegeisterung dafür herrschen, daß Frankreich seine flamischenLandschaften aufgebe — wie die bretonischen, baskischen und italieni-schen—, daß Belgien wie die Schweiz sich auflöse und in Elsaß-Loth-ringen die Grenze genau nach dem Sprachbestande festgelegt werde.
Vergebens sucht man nach solchen Franzosen und Entente-genossen. Nur aus England und Amerika sind mir Stimmen be-kannt, die für das Elsaß und Deutsch-Lothringen französische Herr-schaft auf Grund der Sprache ablehnen. Kören wir nur, was einFranzose sagt! Driault sagt gerade heraus: „Lassen wir in einerso zarten Sache, wie es das Studium unserer Grenze ist, alle Ideo-logie beiseite. Lassen wir die Metaphysik der abstrakten Prinzipien
45