Der Personallredit des ländl. Kleingrundbesitzes im Großheizogtum Hessen. 411
ist, so ist es meist noch Zeit, sich mit Hilse eines verständigen Dar-lehnskassenvorstandcs loszumachen und zu retten. Um so häufiger aberfindet sich eine dauernde, gleichbleibende geringere Schädigung des Bauern,die ihn zu keinem rechten Gedeihen kommen läßt. Diese Schädigungkommt dem Betroffenen in ihrer vollen Höhe gar nicht zum Bewußtsein,weil er nicht zu rechnen und kaufmännisch zu denken versteht. Die kleineBenachteiligung, die vielleicht auch seiner Meinung nach das Verhältnismit sich bringt, schlägt er geringer an als die dabei gewonnene Bequem»lichkeit.
Ein solches Abhängigkeitsverhältnis kommt auch in anderen FormenVor, durch Entnahme einzelner Waren (z. B. Vieh, Dünger- und Futter-mittel, Kolonialwaren) aus Borg, welche an den Lieferanten ketten undvon der Teilnahme an anderweiten günstigen Bedingungen ausschließen.In Korn bauenden Gegenden Pflegt namentlich der Getreidehändler aufseine kleineren Kunden einen weitgehenden wirtschaftlichen Druck auszuübenund sie durch die bloße Drohung, ihnen kein Korn abkaufen zu wollen,zu veranlaffcn, ihren Bedarf an landwirtfchaftlichen Rohstoffen undanderes bei ihm zu entnehmen. In Oberhessen kommt es vor, daßMitglieder von Rohstoffvereinen ihren Beitritt rückgängig machen, weil„der Kornhändler ihre Teilnahme nicht erlaubt". Ja wiederholt habenfolche Händler durch ihre Drohungen landwirtschaftliche Bezugsvereinefogleich nach der Gründung zur Auflöfung gezwungen oder ihr Entstehenverhindert. In Rheinhessen werden kleine Weinbauer nicht selten da-durch geschädigt, daß sie den Käufern ihrer Ware in der dringendstenArbeitszeit sich zur Verfügung stellen und ihre eigene Arbeit vernach-läfsigen muffen, wollen sie nicht ihren Abfatz bezw. die Vorfchüfse daraufverlieren.
Diefcn Formen, die sich als Wucher darstellen oder ihm doch inihren Wirkungen nahekommen, können die Darlchnskassen nur zum Teilentgegentreten. Sie ermöglichen die Befreiung davon denen, welcheselbst Einsicht und festen Willen genug haben, um loskommen zu wollen.In ihren leitenden Mitgliedern sammeln sie weiter einen immer wachsen-den Kern von Leuten um sich, welche rationell in ihrem ganzen Geld-Verkehr Verfahren und den anderen ein Beifpiel werden. Die Tarlehns^lassen sind überhaupt die hervorragendste Schule für Volkswirtschaft undSelbstverwaltung in Hessen geworden. Man behauptet, daß in wenigenJahren in Hessen kein Landbürgermeister, landwiitfchaftlichei Vertrauens-mann u. ä. vorhanden sein werde, der nicht vorher in der Verwaltungder Darlchnskassen thätig war. Schließlich erachtet es auch jeder tüchtige