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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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II. Kapitel: Trophoneurosen nach peripheren Verletzungen.

Band VII.

1872: Hauptsächlicher Muskelschwund am linken Vorder-arm und an linker Hand, besonders am Daumenballen und anden 1.3. Zwischen-Knochenmuskeln. Haut der Hand welkund runzlich. Nägel des Daumens, Zeige- und Mittelfingerskolbig und mit tiefen Längsrinnen versehen.

XI. Schuss durch die Ellenbogenbeuge. Schmerz beiBerührung der Hand, summendes Gefühl im n. ulnaris.Atrophie der Knochen und Muskeln unterhalb der Ver-letzung. Trockene atrophische Haut der Haud undschnelles Nagelwachsthum.

Arthur Jungnickel, Unteroffizier der 7. Kompagnie4. Brandenburgischen Infanterie-Regiments No. 24, wurde durchein Gewehrprojektil bei Vionville am 16. August 1870 verletzt.Das Geschoss drang 2 cm unterhalb der plica cubiti des rechtenArmes ein und 1 '/-' cm oberhalb des condylus internus aus.Totale Lähmung der Hand und Finger.

9. November 1870: Kontraktur des musc, biceps, dahersteht der Vorderarm im rechten Winkel zum Oberarm.

12. März 1871 : Paralyse unverändert. Starke Abmagerungder Hand und des Vorderarms.

21. Mai 1883: J. trägt die Hand zum Schutz gegen un-vorhergesehene Berührungen in einem Lederhandschuh. Dieleichteste Berührung ruft Schmerz hervor. Er klagt über einsummendes Gefühl im Gebiete des nerv, ulnaris und über Kältein der Hand. Sie ist blauroth, trocken, kalt und hat eineverdünnte Haut. Krallenstellung der Finger: Hyperextensionin der ersten Phalanx, starke Flexion des 2. und 3. Gliedes. Nurder Daumen beweglich, so dass seine Spitze gegen die des Zeige-fingers geführt werden kann. Schnelles Nagelwachsthum.

Umfang des rechten Überarms 24, des linken 24 1 /-' cm,

Vorderarms 21, 25 '/a

» n t, Handgelenks 14, 17

der Mittelhand 21, der 21

letzteres wegen des durch die Hyperextension der ersten Finger-

glieder hervorgerufenen Vorspringens der Strecksehnen.

XII. Oberarmsehuss. Unterbindung der art. brachialis.

Hautatrophie. Stärkere Behaarung. Verdickung und

schnelles Wachsthum der Nägel.

Wilhelm Weinert, Wehrmann im 3. NiederschlesischenLandwehr-Regiment No. 50, erhielt vor Beifort am 23. Januar1871 einen Schuss durch den rechten Oberarm, welcher dieUnterbindung der art. brachialis erforderte. Bei seiner Auf-nahme auf die elektrotherapeutische Station des Garnisonlazarethszu Breslau am 12. April 1871 fand sich Folgendes:

Eintrittsnarbe im oberen Drittel des rechten Oberarms imsulcus bieipitat. extern. 3 Zoll unter dem Gelenkkopf an dertiefsten Insertion des Deltoideus hart, mit den Weichtheilen

verwachsen Austrittsnarbe an der» inneren Fläche einen Zolltiefer, von gleicher Beschaffenheit. Zwischen beiden Narbeneine dritte im sulc. bieipit. internus aus der Achselhöhle bisin die Mitte des Oberarms verlaufend, 3 Zoll lang, vertieft,empfindlich und verhärtet; von der Unterbindung der Bra-chialis herrührend. Patient hält den Vorderarm in Pronation,in flektirter und abduzirter Stellung klagt über reissendeSchmerzen in der Hand. Diese im Gelenk und auf dem Rückenstark geschwellt, desgleichen die Finger. Er hält diese gestrecktund abduzirt und stützt den Arm mit der andern Hand imHandgelenk. Auch der Handteller ist geschwellt; die Handetwas röthlich verfärbt, glatt. Die Finger an der letzten Pha-lanx, der Handrücken und die Volarfläche des Vorderarms starkbehaart. Die Nägel zeigen keine besonderen Veränderungen,nur eine geringe Verdickung und schnelles Wachsthum. Vonden Bewegungen sind besonders die im Ellenbogen- und Hand-gelenk beeinträchtigt. Es besteht eine bedeutende Kontrakturim Ellenbogengelenk (grösste Streckung bis zum rechten Winkel),auch die Beugung ist beeinträchtigt ; der rechte Biceps ist etwasatrophisch, sehr fest anzufühlen. Sämmtliche Bewegungen imHandgelenk sind möglich, aber sehr beschränkt. Die Bewegungder Phalanxgelenke der Finger ist fast ganz aufgehoben.Schultergelenk ist frei, aber durch die Kontraktur des Ellen-bogengelenks beeinträchtigt. Die Empfindung am rechtenVorderarm nur an der Volarfläche herabgesetzt elektrokutaneSensibilität im Gebiet des Medianus sehr herabgesetzt, im Gebietdes Ulnaris und Radialis weniger ; an den übrigen Körpertheilenist sie normal. Erregbarkeit des Medianus bedeutend, die desUlnaris etwas herabgesetzt. Elektromuskuläre Kontraktion desBiceps sehr verringert. Die elektrische Behandlung hatte garkeinen Erfolg, so dass es im ursprünglichen Attest d. d. 10. August1871 heisst: W. vermag die Finger der rechten Hand in keinerWeise zu bewegen, und ist ihm die Beugung des Handgelenkssowie die Pro- und Supination unmöglich.1873: Unverändertes Befinden.

Ausser den bereits genannten Forschern hat auchJ. Wolff die trophischen Störungen der Hautgebilde nachder Resektion grösserer Gelenke zum Gegenstandeiner Untersuchung gemacht. Die von ihm ermitteltenThatsachen sind im v. Langenbeck'schen Archiv und indem bekannten Gurlt'sehen Werke:Die Gelenkresektionennach Schussverletzungen" niedergelegt. Einige der vonWolff untersuchten Invaliden konnten auch durch denVerfasser (Oberstabsarzt Dr. Stricker) besichtigt werden, sodass durch einen Vergleich des 1875 bezw. 1876 und des1884 erhobenen und bei den ossären Trophoneurosen 1 )wiedergegebenen Befundes dem Leser die Veränderungenin dem Krankheitsbilde leicht zugänglich gemacht sind.

l ) Siehe den dritten Abschnitt dieses Kapitels.