Druckschrift 
Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Zweites Kapitel.Trophoneurosen nach peripheren Verletzungen.

Erster Abschnitt.Veränderungen an der Haut und deren Adnexen.

I. Entstehung der Hautveränderungen nach Verletzungen.

Die Amerikanischen Autoren Mitchell, Morehouseund Keen haben während des Sezessionskrieges die Ver-änderungen der Haut und ihrer Anhängsel nach peripherenNervenverletzungen zum Gegenstande eingehender Studiengemacht. Unter diesen Veränderungen fanden sie ekze-matöse und pemphigoide Eruptionen, den Zoster, eine andie Frostbeulenröthe erinnernde Röthung, eine Schwellungund Verdickung der Haut und des Untcrhautz elige weitesfalsche Phlegmone sowie die als Glanzhaut glossyskin, peau lisse bekannte Affektion, bei welcher dieHaut glänzend glatt, roth, später blass anämisch, dieEpidermis rissig, trocken, die Nägel brüchig und gekrümmtsind. Sie hoben hervor, dass diese Störungen sich unterSchmerzen in der Regel bei sichtbaren Reizzuständender Nerven nach Kontusionen, Stichverletzungen, unvoll-ständigen Nervendurchschneidungen, kurz nach Traumenentwickeln, welche eine Neuritis oder wenigstens eineNeuralgie hervorzurufen pflegen. Ihre Beobachtungen stellenes auch sicher, dass die sekundären Hautentzündungendieser Herkunft ohne Mitwirkung einer dritten äusserenUrsache auftreten und nicht in Analogie zu bringen sindmit den nach Nervendurchschneidung bei Thieren folgendenperipheren Geschwürsbildungen. Was ihre Häufigkeit be-trifft, so geben jene Autoren an, dass sie unter 30 partiellenNerventraumen 19 mal Erythem beobachtet haben (Samuel).

Siinitäts-Bmi-ht über die Deutschen Heere 1870/71. VII. Bd.

Soviel steht demnach fest, dass eine Reizung des peri-pheren Nerven in seiner Endausbreitung Entzündungs-prozesse der Haut mit dem angegebenen Charakter hervor-rufen kann.

Ein frappantes, die Richtigkeit dieser Annahme be-weisendes Beispiel erzählt Paget aus Hiltons Praxis.Ein Bruch des unteren Endes des Radius hatte einen um-fangreichen Kallus verursacht, welcher auf den Median-nerven drückte. In Folge davon bildeten sich auf derHaut des Daumens und der beiden ersten Finger derHand Geschwüre, welche jeder Behandlung widerstanden.Die Beugung des Handgelenks, in der Weise ausgeführt,dass dadurch die Weichtheile der Hohlhand entspanntwurden und die Kompression des Nerven aufhörte, hattestets die Wirkung, dass nach Verlauf von einigen Tagendie Heilung der Geschwüre herbeigeführt war. Aber so-bald der Kranke sich seiner Hand bedienen wollte, wurdeder Nerv von Neuem gedrückt, und bald sah man dieGeschwüre wieder auftreten (Charcot). Auch das Zurück-gehen der nutritiven Störungen nach Beseitigung der Nerven-reizung bestätigt das gegenseitige Abhängigkeitsverhältniss.Langenbuch heilte einen Fall von Pemphigus durchNervendehnung. Terrillon brachte schmerzhafte Geschwürean der Wade mehrmals dadurch rasch zum Verschwinden,dass er den betreffenden Ast des n. ischiadicus durchschnitt

5