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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
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am 21. Dezember 1870 im Gefecht bei Ville Evrart Nachtsdurch ein Gewehrprojektil oberhalb des linken Ohres ver-wundet. Kurz nachher stellte sich Sprachlosigkeit, Schwindelund Taumel ein. Keine Lähmung der Extremitäten oder desGesichts. Die Sprachlosigkeit ging schnell vorüber, kehrte aberentweder periodisch zurück, oder statt ihrer eine Silbenver-wechslung oder Begriffsverwirrung mit Schwindelanfällen. Haupt-sächlich trat dies ein bei angestrengterer geistiger Thätigkeit.Von der Wunde blieb 7 cm oberhalb des linken Ohres aufdem linken Scheitelbeine eine mit dem Knochen verwachseneNarbe zurück. Die Vertiefung der Narbe rührt von einemKnochendefekt her. 1876: Fortbestehen periodisch wieder-kehrender Schwindelanfälle von etwa halbstündiger Dauer, bis-weilen Unvermögen, einzelne Worte auszusprechen. Lähmungs-erscheinungen in anderen Körpertheilen fehlen.

LXXI. Schiissfraktur des linken Unterkiefers und linkenProcessus mastoideus. Trigeminusneuralgie und Neuralgiein den Extremitäten. 3 Vi Jahre später hei Forthestandder Neuralgien Kontraktur der Streckmuskeln des linkenBeines. Im Jahre 1875 Epilepsie.

Johann Herzog, Musketier der 8. Kompagnie 5. Rheini-schen Infanterie-Regiments No. 65, wurde am 23. Dezember 1870von einer Kugel getroffen, welche neben dem linken Lippen-winkel eingedrungen, den Unterkiefer und den Warzentheil deslinken Schläfenbeins durchbohrte und theilweise zertrümmerteund dicht hinter dem linken Ohre ausgetreten war. Das Hör-vermögen des linken Ohres ist in Folge dessen gänzlich er-loschen, das Sehvermögen des linken Auges erheblich geschwächt.Der Mund kann nicht völlig geöffnet werden, das Zahnfleischbeider Kieferränder, besonders an der linken Seite, ist hyper-trophisch. Die Speichelabsonderung krankhaft vermehrt, dielinke Zungenhälfte schmeckt und empfindet nicht. Die grösstenBeschwerden erwachsen dem Verletzten jedoch aus den Ver-letzungen, welche mehrere Zweige des 3. Astes des linkenV. Gehirnnerven erlitten haben, in der Gestalt heftiger Neural-gien, welche für gewöhnlich nur die linke Seite des Kopfes ein-nehmen, bei wechselndem Wetter und in Folge von Gemüths-bewegungen aber sich über den ganzen Körper erstrecken undnicht selten von Krämpfen der Gliedmaassen begleitet sind.Appetit und Ernährung sind ziemlich gut, jedoch hält sich derKranke grösstentheils im Bette auf.

3. Juli 1874: Derselbe Befund, nur erstrecken sich dieNeuralgien meist auf die linke Körperhälfte und haben zu einerhochgradigen Kontraktur der sämmtlichen Streckmuskeln derlinken Unterextremität geführt und die Gebrauchsfähigkeit derlinken unteren Extremität so herabgesetzt, dass der Zustanddem Verluste gleich zu achten ist. Patient braucht Morphium-injektionen zur Stillung der Schmerzen.

1. Juni 1875: Die Hypertrophie des Zahnfleisches, ver-mehrte Speichelabsonderung und Behinderung des Kauvermögenshat nachgelassen, auch kann der Mund weiter geöffnet werden;bei Prüfung des Gefühlsvermögens durch Nadelstiche erscheintdie Sensibilität linkerseits vermindert.

Verlust des Gehörs auf dem linken Ohr, Schwäche deslinken Auges, Störung des Geschmacks, der Empfindung imMunde, endlich fast fortwährende heftige Schmerzen in einemgrossen Theile des Körpers und häufig auftretende Krämpfe mitBewusstseinsverlust.

LXXII. Schussfraktur des Humerus. Neurom des n. me-dianus. Epilepsie. Resektion des Mediannerven. Heilung?

Lieutenant X., 25 Jahre alt, erlitt im Kriege 1870/71 eineSchussfraktur des linken Humerus. Er kam Ende Mai 1875in das Krankenhaus Bethanien. Seine Klagen waren: heftigeneuralgische Schmerzen im linken Arm, Kopfschmerzen, eben-falls linksseitig und ab und zu auftretende epileptische Anfälle,welche auch vorzugsweise die linke Körperhälfte betroffenhaben sollen.

Am linken Oberarm bemerkt man mehrere Narben undeinen nicht unbedeutenden Knochenkallus am Humerus. ImVerlauf des n. medianus findet sich eine spindelförmige, freibewegliche, auf Druck schmerzhafte Verdickung, welche nochnicht die Grösse eines Taubeneies erreicht.

Wilms legte den n. medianus in einer Ausdehnung von8 cm frei und resezirte ihn sammt der Anschwellung in einerLänge von 4 cm. Die Wunde blieb offen und heilte ohne jedenZwischenfall.

Am 1. Juli 1875 wurde Patient völlig geheilt entlassen;die vorher erwähnten Beschwerden waren seit der Operationfortgeblieben. (Nach Pick, Archiv für Psychiatrie und Nerven-krankheiten, Bd. 7, S.217.)

LXXIII. Schuss in die linke Schläfe. Periodische Anfällepsychischer Störung 2 Jahre nach der Verwundung.

Ein 25jähriger Reservist des Ostpreussischen Füsilier-Regiments No. 33 erlitt am 23. Dezember 1870 in der Schlachtan der Hallue durch einen Schuss eine Verwundung der linkenSchläfe. Am 28. Dezember wurden im Lazareth zu Clermontzwei Bleistücke aus dem Schusskanal entfernt, der sich von derlinken Augenbraue bis in die hintere Schläfengegend horizontalerstreckte. Bald nach der Verwundung traten heftige reissendeSchmerzen ein, welche nach Entfernung der Geschossstücke einensolchen Grad erreichten, dass Pat. einige Tage und Nächte be-wusstlos gelegen haben will. Diese Schmerzen milderten sichzwar mit der fortschreitenden Heilung der Wunde, sie ver-schwanden jedoch nicht gänzlich und steigerten sich jedesmalbei Druck auf die Narbe, selbst bei Bewegung der Schläfen- undKaumuskeln. Am 2. Oktober 1871 vom Militär entlassen, kehrteder Verwundete zu seinem Gewerbe, der Böttcherei, zurück. MitAusnahme jener Schmerzen fühlte er sich gesund, doch traten baldbei längerer Arbeit in gebückter Stellung Steigerung derselbenund ein starkes Schwindelgefühl ein. Dazu gesellten sich Ge-hörstäuschungen; er wähnte oft, dass er gerufen oder dass zuihm gesprochen wurde. Vom Frühsommer 1872 ab will eröfters benommen,wild im Kopfe" und deshalb mehrere Tagearbeitsunfähig und bettlägerig gewesen sein.

Am 14. Oktober 1872 wurde er völlig geisteskrank seinenEltern überbracht und wenige Tage darauf einem Krankenhausein Insterburg überwiesen. Hier traten in unregelmässigen Zeit-räumen kürzere oder längere Zustände psychischer Erregungein. Dem jedesmaligen Eintritt derselben ging ein stechenderheftiger Schmerz in der linken Schläfengegend vorauf. Währenddes Anfalls bestanden lebhafte Gefühls- und Gehörstäuschungen;er sprach mit Personen, welche er vor sich zu sehen glaubte,pfiff, tanzte, schlug um sich und duldete keinerlei Widerspruch.Mit dem Eintritt ruhigen Schlafes hörte die Erregung auf;es blieben nur eine sich allmälig mindernde Reizbarkeit undGehörstäuschungen schwächerer Art zurück.

Am 28. Dezember 1872 wurde er in Allenberg aufgenommen.Auch hier wiederholten sich nach ca. 14tägigen Zwischen-

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