Band VII.
Schlussbetrachtung.
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(induzirtem und konstantem Strom) behandelt. Auch in denSpitälern Solitude und Cannstadt wurde das Leiden des G. nichtgebessert. Seit seiner Entlassung ist sein Zustand im Ganzengleich geblieben, doch glaubt er, dass die Schmerzen in derletzten Zeit stärker geworden seien. Die Gebrauchsfähigkeitder Hand habe sich nicht gebessert. Zeitweise treten an derHand, an dem Oberarm unter heftigen Schmerzen Pusteln auf,welche in schmerzhafte Geschwüre übergehen, deren Heilungjeweils langsam von statten gegangen sei.
Gegenwärtig — 11. Dezember 1875 — hat G. angeb-lich beständig mehr oder weniger lebhafte stechende Empfin-dungen in der Oberextremität. Dieselben sollen bei günstigerWitterung geringer, bei ungünstiger aber so schlimm sein, dasser das Bett hüten müsse. Zeitweise verbreiten sich die Schmerzenvon der Gegend des Schulterblattes bis in die Nackenwirbelsäule,strahlen in die andere Schulter aus; der Arm sei ihm voll-kommen nutzlos; er könne keinen Gegenstand mit denFingern fassen und festhalten, da die geringste Anstrengungsofort Zittern hervorrufe und da er die erfassten Gegenständeweder deutlich fühle noch auch über das Maass des angewandtenDruckes sich bewusst sei. So vermöge er z. B. den Arm wederzum Ankleiden, noch zum Essen und Trinken, noch zu irgendeiner Verrichtung des täglichen Lebens zu gebrauchen. Einzigund allein könne er ihn beim Schreiben u. s. w. zum Beschwerendes Papiers benutzen, ohne dass er übrigens hierbei im Standesei, einen aktiven Druck auf die Unterlage auszuüben.
Im übrigen giebt G. an, gesund zu sein, doch hat ermehrere Male (dreimal) „schlagartige Anfälle" gehabt, welche sichohne jede äussere Veranlassung bei ihm eingestellt. Nachkurzem Uebelsein von ungefähr 10 Minuten wurde er plötzlichohnmächtig, stürzte zu Boden und bekam nach den Erzählungenseiner Umgebung Krämpfe im ganzen Körper mit klonischenZuckungen in allen Gliedmaassen. Eine Stunde darauf sei alle-mal das Bewusstsein wiedergekehrt. Ausser einer merklichenSchwäche fühle er nach dem Anfalle stärkere Schmerzen imlinken Arm und der linken Schulter, und sei auch jedesmalnachher die Lähmung bedeutender gewesen, was sich auch beiPrüfung mit dem elektrischen Strom gezeigt haben soll. Derletzte derartige Anfall sei vor etwa einem Jahr eingetreten.
G. ist gross, stämmig gebaut, gut genährt und gesundaussehend. Sofort beim ersten Anblick fällt auf, dass die linkeOberextremität wie lahm am Rumpf herabhängt und beim Gehennicht mitpendelt, wie die rechte Oberextremität. Beim Ent-kleiden gebraucht G. die linke Hand und den linken Arm garnicht, sondern besorgt alles mit der rechten Hand, dem rechtenArm und mit den Zähnen.
Was die anatomische Untersuchung betrifft, so ist die krankelinke Oberextremität von der Mitte des Oberarmes abwärtsangeschwollen, blauroth gefärbt und wärmer anzufühlen. Hand-rücken und unteres Ende der Dorsalfläche des Vorderarmes sinddeutlich ödematös, so dass der Fingerdruck lange stehen bleibt.Die Berührung ist schmerzlos. Die Messung ergiebt folgendeZahlen:Umfang des Oberarmes in der Mitte rechts 30 cm, links 31 cm,
„ der Ellenbeuge.....
„ des Vorderarmes in der Mitte
„ des Handgelenks ....
„ der Hand über der Mitte deszweiten bis fünften Mittel-handknochens gemessenAn der Streckfläche vom Oberarm und Ellenbogen und aufdem Handrücken sieht man noch erbsen- bis bohnengrosse, blau-roth gefärbte Hautnarben und pigmentirte Stellen, welcheangeblich den früheren Geschwürsstellen entsprechen und voll-kommen schmerzlos sind. Die Haut des Handtellers ist glatt
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und zeigt keine Spur von Schwielenbildung. Das Unterhaut-zellgewebe ist an Hand und Vorderarm (durch Oedem) strafferangespannt. An den Muskeln, Gefässen und Nerven ist eineanatomische Veränderung objektiv nicht nachweisbar; nur istder Puls an der erkrankten Extremität weniger deutlich zufühlen als rechts, wegen der dort bestehenden Schwellungder Weichtheile. Die Untersuchung der Knochen und Gelenkeergiebt keine nachweisbare trophische oder andere Störung.
Hinsichtlich der Prüfung auf Funktionsstörungen in derlinken Oberextremität hat sich Folgendes ermitteln lassen:
Hängt der linke Oberarm vollkommen ruhig am Leibeherab, so ist in den Muskeln der Extremität ein Zittern so langenicht bemerkbar, als G. vollkommen ruhig ist. Sobald er denmindesten Willensimpuls zum linken Arm entsendet, sei es,dass er irgend eine Bewegung mit dieser Extremität auszuführenoder dieselbe auch nur ganz ruhig zu halten bestrebt ist, sotreten in dieser Extremität Zuckungen auf, wodurch Hand undArm geschüttelt werden. Befiehlt man dem G., die Handoder den Arm zu erheben, so geräth die Hand und aufsteigendVorder- und Oberarm in zitternde Bewegungen, welche immer hef-tiger werden, bis das Gesicht des G. blauroth wird, wobei der-selbe den Athem wie bei intensivem Drängen zurückhält.Dieselbe Beobachtung macht man, wenn man den Krankenveranlasst, die ruhig auf dem Knie aufliegende Hand fest aufdas Knie niederzudrücken; dabei zeigt es sich, dass die mithöchstem Kraftaufwand dieser Extremität ausgeführten Be-wegungen äusserst kraftlos sind, so dass G. nicht im Stande istdie dargebotene Hand oder einen Finger festzuhalten, oder einBlatt Papier auf den Tisch so zu fixiren, dass es nicht leichtunter der Hand vorgezogen werden könnte. Aktiv kann G.sowohl die Finger und die Hand, als Vorder- und Oberarm be-wegen, freilich nur mit dem eben beschriebenen exzessivenKraftaufwande und nur unter dem Auftreten der geschildertenzitternden Bewegungen, welche sich nach kurzer Dauer derAnstrengung auch dem Rumpfe und der rechten Oberextremitätmittheilen. Die aktiv ausführbaren Bewegungen sind aber nursehr geringfügig und, wie oben angegeben, trotz des grossenKraftaufwands vollkommen kraftlos, so dass die Leistungen derExtremität nicht grösser sind, als die, welche durch eine gutgearbeitete künstliche Hand erzielt werden können. Passivsind alle Bewegungen in beschränkter Weise ausführbar, wobeiübrigens alsbald die beschriebenen zuckenden und zitterndenKrämpfe über die ganze Extremität ausbrechen.
Die elektrische Untersuchung der Muskeln mit dem In-duktionsstrom ergiebt, dass die Muskelirritabilität vermindert,aber nicht aufgehoben ist. Auch die Hautirritabilität scheintabgeschwächt zu sein, insofern starke elektrische Reize, welchean gesunden Hautstellen sofort starke Reaktion hervorrufen, amlinken Arm keine Reflexzuckungen auslösen.
Die Untersuchung der Hautempfindlichkeit ergiebt füreinfache Tasteindrücke keine positive Abnormität, wenngleichG. behauptet, dass er hier nicht so deutlich empfinde, wie amübrigen Körper, und dass auch schmerzhafte Eindrücke wenigerlebhaft seien, als z. B. am rechten Arm.
Die Durchtastung der Nacken- und Rückenwirbelsäule lässtkeine objektiv wahrnehmbare Störung erkennen. Doch erklärtG., dass Druck auf die Dornfortsätze des I., IL und III. Rücken-wirbels empfindlich sei, so dass er dabei zusammenzuckt. (Auchin der Ruhe will er daselbt massige Schmerzen empfinden,welche von da in die linke Schulter ausstrahlen.) DieseSchmerzen steigern sich angeblich bei Witterungsveränderungund sollen ihn Nachts nicht anders, als auf der rechten Seiteliegend schlafen lassen.