Vorbemerkung.
Eine Betrachtung der Tabellen und Tafeln dieses Bandeslässt in der Morbidität der einzelnen Deutseben Armeekorpswährend des Krieges 1870/71 zwei Kategorien von Unterschiedenerkennen: einmal solche, welche mit mehr oder weniger Wahr-scheinlichkeit auf den Ort und die Art der Kriegsthätigkeit desbetreffenden Truppenverbandes zurückgeführt werden können,ausserdem aber eine Reihe solcher, bei denen jeder Versuch, sie ausäusseren Umständen einigermaassen befriedigend zu erklären,scheitert, welchen vielmehr bei isolirter Betrachtung der Kriegs-morbidität der Charakter des Zufälligen, Zusammenhanglosen, so-mit des Unverständlichen anhaftet. Diese letzteren Erscheinungentreten jedoch in andere Beleuchtung und in einen Zusammenhang,welcher den Anschein des Zufälligen aufhebt, sobald man dieKriegsmorbidität der einzelnen Armeekorps mit ihren Gesundheits-verhältnissen im Frieden vergleicht.
Die Morbidität, welcher ein bestimmter Menschenkomplexwährend einer bestimmten Zeitperiode unterliegt, wird ebendurch zwei Gruppen von Ursachen bedingt: 1) durch die be-sonderen zeitlichen und örtlichen Einflüsse des in Betrachtkommenden Zeitraumes und Schauplatzes der Ereignisse sowie. durch die gesammte zeitweilige Lebensweise und Beschäftigung,[-— kurz durch Alles, was während der Beobachtungszeit selbstvonAussen einwirkt; 2) durch die nach Ländern. Provinzen etc.wechselnde Disposition zu Erkrankungen überhaupt oder zuI bestimmten Formen der Erkrankung, d.h. durch die gesammte[Konstitution, welche der betreffende Menschenkomplex in dieBeobachtungszeit mitbringt. In der That tritt die Verschiedenheit(solcher Disposition, d. h. ererbter, durch Vererbung befestigteri Eigentümlichkeiten, bei Zusammenfassung grösserer Gruppen[von Individuen ganz in derselben Weise zu Tage, wie bei der[Betrachtung im Kleinen die verschiedene Erkrankungsneigung[der Einzelnen. Wie weit dieser Unterschied in letzter Instanz|auf eigentlich ethnologischen und klimatischen Ursachen, wierat auf anderen, der menschlichen Einwirkung zugänglicherenUmständen (z. B. Bodenverhältnissen), wie weit endlich lediglichHäuf willkürlichen menschlichen Einrichtungen beruht, ist zwarHaie unabweislich sich aufdrängende praktische Schlussfrage,kommt jedoch zunächst nicht eigentlich in Betracht. Die blosse,■auch in der Kriegsmorbidität der Deutschen Heere deutlichzum Ausdruck gelangende Thatsache, dass bestimmte, aus ver-■Bchiedenen Territorien stammende Menschenkomplexe unter den-Hjelben sonstigen Bedingungen auf gleiche krankheitbeförderndeEinflüsse in verschiedener Weise reagiren, macht es einleuchtend,Hdass die Morbidität eines nach Art der Deutschen Armeen, d.h.f überwiegend nach Territorialbezirken zusam mengesetzten Kriegs-
feeres und seiner einzelnen kleineren Verbände während einesestimmten Feldzuges nicht in höherem Sinne verstanden werdenann, wenn nicht die Fried ensmorbidität dieser Truppenkörperährend einer längeren Reihe von Jahren im Einzelnen beob-
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achtet und zu den nachweislich oder muthmaasslich darauf ein-wirkenden Umständen in Beziehung gesetzt ist.
Aus diesem Grunde wird in dem Nachstehenden den Dar-legungen der Morbidität und Mortalität bei den DeutschenHeeren während des Krieges 1870/71 eine zusammenfassendeUebersicht über die Krankheitsverhältnisse bei der DeutschenFriedens-Armee vorangestellt. Es konnte dabei nicht empfehlens-wert]! erscheinen, sich zu weit von demjenigen Zeitpunkte(1870/71) zu entfernen, um dessen Verständniss es sich eigent-lich handelt. Da indessen die Rapporterstattung bei den übrigengrösseren Deutschen Kontingenten erst nach dem Kriege mitder Preussischen in Uebereinstimmung gebracht worden ist,musste zur Vermeidung von Unsicherheiten und Einwürfen,welche ein nach verschiedenen Grundsätzen gesammeltes Materialoffenbar begünstigt, von gleichzeitiger Berücksichtigung derBayerischen, Sächsischen, Württembergischen, Badischen undHessischen Truppen zunächst Abstand genommen, die Dar-legung vielmehr auf die Preussische Armee beschränkt werden,für welche in den seitens des Preussischen Kriegsministeriumsherausgegebenen „Statistischen Sanitäts-Berichten" über dieJahre 1867 bis 1872') ein ausführliches, genau in gleicherWeise bearbeitetes, auf unveränderten Grundsätzen der Rapport-erstattung beruhendes Material vorliegt, welches für den inRede stehenden Zweck durchaus vergleichsfähige Daten enthält.Kann auch eine fünfjährige Beobachtungszeit für Ermittelungdes im Wechsel der Erscheinungen regelmässig Wiederkehrendennicht eine lange genannt werden, so darf doch andererseitsnicht unberücksichtigt bleiben, dass die Morbiditätsverhältnisseder Armee nur zum Theil auf gleichbleibenden, zum anderenTheil auf veränderlichen Einflüssen beruhen. Zu letzteren ge-hören — abgesehen von den zeitweilig eintretenden Dislokationeneinzelner Truppenkörper — alle hygienischen Einrichtungenund Maassnahmen, welche in der Armee selbst und in derBevölkerung zur Durchführung gelangen, sowie die Grundsätze,nach welchen die Einstellung der Wehrpflichtigen und die Ent-lassung Dienstunbrauchbarer erfolgt. Während für viele andereDinge — z. B. für die auf die Morbidität mächtig einwirkendenklimatischen und Witterungselemente — eine sehr lange Beob-achtungsreihe zur Klarstellung der Regel unbedingt wünschens-werth bleibt, mag für die Fragen nach Gesundheit und Krankheit
') Mit Ausschluss der Zeit vom 1. Juli 1870 bis 30. Juni 1871,für welche Periode der Kriegsbericht eintritt. — Die Betrachtungder Priedensverhältnisse stützt sich somit auf die Beobachtungen aus5 Jahren, bei welchen der Jahrgang 1870/71 durch das 1. Halbjahr1870 und das 2. Halbjahr 1871 gebildet wird. — Mit dem 1. April 1873trat ein neues System der Rapport- und Berichterstattung in Kraft,welches erst mit dem 1. April 1882 eine Modifikation erfuhr. Derneunjährige Zeitraum, während dessen somit wiederum nach gleich-bleibendem Schema rapportirt wurde, ist in dem Friedensbericht überdas Rapportjahr 1881/82 zusammengefasst.