574 Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts
4. FRONLEICHNAMSSPIELE 1
Der Fronleichnamstag ist der Feier des Altarsakraments, des heiligen Abend-mahls, gewidmet, bei welcher der Leib des Herrn (mhd. vron-lichfnjamfej)dargereicht wird. Das Fest wurde anno 1264 von Papst Urban IV. eingesetzt.Aus den an diesem Tage veranstalteten Umzügen, die zu feierlichen Pro-zessionen sich gestalteten, entwickelte sich das „Prozessionsspiel". Der Zugmachte an bestimmten Stationen halt, und jeweils eine Gruppe führte ihreRolle durch, wobei sie sich zuerst in ihrer Bedeutung vorstellte. Der Text be-stand nur aus kurzen Sprüchen. Schließlich wurde dieses „Prozessionsspiel"unter Beibehaltung seines Namens zum eigentlichen Fronleichnamsspiel.Nach dem Vorbilde der Oster- und Passionsspiele erweiterte man dann dieDarstellung auf die ganze Heilsgeschichte vom Sündenfall bis zur Erlösungdurch Christus, immer aber in Hinsicht auf den Zweck, die Feier des Altar-sakraments.
Das Künzelsauer, das Innsbrucker und das Egerer Fronleichnamsspiel
Das Künzelsauer Fronleichnamsspiel 2 (Künzelsau am Kocher imwürttembergischen Ostfranken) enthält die ganze Heilsgeschichte, ist abernicht für eine einheitliche Bühne bestimmt, sondern hat den Charakter einerProzession beibehalten, indem es auf drei Stationen verteilt ist: 1. Schöpfung,Fall Lucifers, Sündenfall usw. bis auf Melchisedek; 2. Von Moses bis zumbethlehemitischen Kindermord; 3. Von Johannes dem Täufer bis zum jüngstenGericht. Zum Schluß tritt der Papst auf mit der Mahnung, das gesegnete Brot(das heilige Abendmahl) würdig zu gebrauchen, die Priester zu ehren und sodes ewigen Lebens teilhaftig zu werden. — Abfassungszeit: im Jahre 1479,Sprache ostfränkisch (= Mundart von Künzelsau); die Hs. besteht aus einemHauptstück und Beilagen (Nachträgen) am Anfang und am Schluß; zusammenetwa 5600 V. Des Umfangs wegen muß die Aufführung wohl auf mehrereTage verteilt gewesen sein.
Das Innsbrucker Fronleichnamsspiel 3 ist älter als das Künzelsauer;Innsbrucker Hs. vom Jahre 1391; Original thüringisch aus den ersten Jahr-
1 Lit.: Creizenach S. 169-72. 187; Klimke, dazu Schröder, Anz. 45, 191 f., Mansholt,Das volkstüml. Paradiesspiel, 1902, 7 ff.; ZfdPh. 51, 354 f., Maurer, Lbl. 1931, 24-26;Stammler, D. relig. Drama S. 34; Ders., Auszug: Herm. Werner, Germ. 4, 338-61;Merker-Stammler Reallex. 1, 235-37. — Dör- H.Bauer, D. Künzelsauer Fronl., der An-rer u. Gierach, Fronleichnamsspiele, Stamm- fang desselben mitgeteilt, Zs. d. hist. Ver. f. d.ler Verfasserlex. 1, 698-773 (Dörrer, Bozner wirtemberg. Franken 6 H.3,1865; Schröder,Fr.spiel S. 698-730; Gierach, Egerer Fr.spiel ZfdA. 36, 240. — Teiel Mansholt, D. Kün-S. 730-32; Dörrer, Freiburger Fr.spiel S. 732 zelsauer Fronleichnamsp., Marbg. Diss. 1892;-68; Dörrer, Künzelsauer Fr.spiel S.768-73). Creizenach S. 233 f.; Klimke, D. volkst. Pa-— F. Dreher, Das Friedberger Frohnieich- radiesspiel aaO. S. 16; Stammler, D. relig.namsspiel u. d. Schicksal der Spielgewänder, Drama S. 26 f.; Dörrer, Künzelsauer Fron-Friedberger Geschichtsblätter II, 1910,171 ff. leichnamspiel, Stammler Verfasserlex. 1,768-73.(Tafelmalereien von 1469 im Chor der Lieb- 3 Hgb. Mone S. 145-64; Dora Franke, Dasfrauenkirche zu Friedberg). Innsbr. Fronleichnamsspiel, Marb. Diss. 1922,
2 Hgb. Mone 1, 145 ff.; Albert Schumann, Auszug im Jahrb. d. philos. Fak. zu Marbg.Das Künzelsauer Fr. vom Jahr 1479 hgb., 1926, 1922/23. — Creizenach S. 233. 235.