572 . Das Drama bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts
Das hessische Weihnachtsspiel 1 (um 1450 oder später in Friedbergverfaßt, die Hs., in Kassel, gehört dem späten 15. Jahrhundert an; 870 V.)hat dagegen einen Ton volkstümlicher Gemütlichkeit, es ist so recht ein Stückfür die fröhliche Weihnacht.
Der „Proclamator" (1-18), der Engel Gabriel, grüßt Maria mit dem Ave Maria, Joseph willMaria verlassen, aber der Engel klärt ihn über die Herkunft des zu erwartenden Kindesauf (19-96); Joseph bittet einen Wirt um Herberge, der aber weist ihn barsch ab: „Fort, dualter Landstreicher, sonst werde ich dir die Lenden einschmieren (durchprügeln)"; ein andererschickt ihn freundlicher fort; Joseph will weinend ins Armenhaus ziehen (in daz gemeine hüs,97-142); das Kindlein wird geboren, Engel singen, Joseph schleppt eine Wiege herbei, Mariasingt: Joseph, lieber neve (im allgemeinen = Verwandter) min, hilf mir wiegen daz kindelin; 2Joseph wiegt es, tanzt mit dem Knecht um die Wiege, und sie singen dabei: In dulci jubilo.Darauf treten singende Engel auf, Maria spricht zu ihnen: Freut Euch, ihr lieben Kinderusw., es folgen drei Cantores: drei Mädchen (puellae) und die Engel singen (143-337). Hirten-szene: ein Engel verkündigt den Hirten „das große Wunderwerk"; einer der Hirten wecktseinen Knecht Ziegenbart, ihn mit dem Stecken stoßend, auf; der Knecht erzählt einenTraum, in welchem er eine Kuh und sein Herr ein Schwein gewesen sei. Die Hirten ziehennach Bethlehem und beten das Kind an, mit der Bitte, es möge ihnen Zwiebeln, Knoblauch,Möhren und Sauerkraut wachsen lassen, was für den Bauch eine gute Kost ist; ein andererbittet, es möge die Rüben geraten lassen, die gebratenen Holzäpfel, die Buttermilch und vielesdergleichen (338-518). Die Mädchen, Cantoren und Engel singen von der Geburt des Kindes(519-561); Joseph bespricht mit Maria die sorgenvolle Lage; Maria tröstet ihn über ihreArmut, er bringt ein Paar alte Hosen herbei, die als Windeln dienen sollen und singt dem Kind„süeze, liebe minne". Dann ruft Joseph zwei Mägde zur Pflege des Kindes herbei, die überhäufenihn aber mit unflätigen Schimpfworten, ohrfeigen und prügeln ihn. Joseph und die Ammen ver-söhnen sich, diese geraten aber darauf untereinander in Händel und geben sich Ohrfeigen (562-715); die zwei Hauswirte tanzen mit den zwei Mägden um die Wiege. — Teufelsspiel: die Teufelrühmen sich vor Lucifer ihrer Taten unter den Menschen (716-828). — Ein Engel befiehlt Joseph,nach Ägypten zu ziehen (829-870).
Die Charakterisierung der Personen, oft possenhaft, ist vorzüglich, ebenweil sie aus natürlicher Anschauung hervorgeht, so die Mutterfreude derMaria, die sich doch der hohen Würde als Gottesmutter bewußt ist, der gute,treuherzige Joseph. Die ganze Ausdrucksweise und die freie, metrische Formentspricht dem volkstümlichen Gepräge dieses Weihnachtsspiels.
Krippenspiele
Krippenspiele als selbständige Teile des Weihnachtsspiels sind selten.Ein solches enthält die Erlauer Hs., Ludus incunabilis Christi. 3 Die 48 Versezerfallen in 4 Szenen: 1. Gesang der Synagoge; 2. Ein Hirte erzählt von derErscheinung der Engel, Joseph gibt ihm Wein zu trinken (1-26); 3. Gesangder Juden zu Josephs Vermählung (27-44); 4. Joseph gibt dem Kind inder Wiege zu trinken, Schlußworte Josephs: wir suln in gotfroelich sin, wirmügen iht lenger hie gesin (45-57). Dieses Wiegenspiel hängt mit dem hessi-
1 Hgb. Piderit, 1869; Froning S. 902-39. Hoffmann v. Fallersleben, Gesch. d. dt.— Vogt, Die schles. Weihnachtsspiele aaO. Kirchenliedes S. 416-22 u. ff. (Weihnachts-S. 138-43. lieder beim Kindelwiegen); Ph. Wacker-
2 Siehe unten Krippenspiele. nagel, D. dt. Kirchenlied 2, 461 ff.
3 Hgb. Kummer, Erlauer Spiele S. 1-9. —