Druckschrift 
3 (1842)
Entstehung
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Muleum kür preuhitche Vaterlandskunde.

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Lief. 22»

Friedrich Wilhelm III.,

König von Preußen.

Noch standen die Grundsäulen des alten Staa-tensystems, welches den politischen Zustand Europasseit Jahrhunderten gehalten hatte; noch herrschteFriedrich der Große in voller Kraft über Preu-ßen, welches durch ihn eine Hauptmacht Europasgeworden war; noch sah man keine Anzeichen vonder allgemeinen Umwälzung, welche nach 20 Jahrenin Frankreich so gewaltsam begann und in 45 Jah-ren Europa dreimal politisch umwandelte; als den3. August 1770 Friedrich Wilhelm III., ersterPrinz Friedrich Wilhelms II. und der Prin-zessinn Luise von Hessen-Darmstadt, zu Potsdamgeboren wurde, welcher auch den preußischen Staat,bei aller seiner Friedensliebe, von dem Strudel je-ner furchtbaren Umwälzung ergriffen und an denAbgrund des Verderbens getrieben sehen mußte,ihn aber doch endlich, nachdem er denselben in al-len seinen Theilen verjüngt hatte, durch die auf-opfernde Liebe seines treuen Volkes, siegreich undglücklich mit neuem Glänze wieder herstellte.

Wie Friedrich der Große den Prinzen, alskünftigen Thronerben, bei seiner Geburt mit Freu-den begrüßt hatte, so sah er ihn auch, unter seinenAugen, mit Freuden aufwachsen, und erlaubte ihmselbst, während er arbeitete, in seinem Kabinetezu spielen. Einst arbeitete der König auch, undder kleine Prinz spielte mit dem Federballe. DerBall siel auf den Schreibetisch des Königs; dieserwarf ihn in die Stube und schrieb weiter. DerPrinz spielte auch wieder fort, und bald flog derBall zum zweiten Male auf den Schreibetisch desKönigs. Der kinderfteundliche Großoheim warf ihnabermals auf den Boden und sah den Prinzen dabeiernsthast an. Dieser versprach, sich mehr in Achtzu nehmen, und spielte weiter. Nicht lange dauertees aber, so hatte er wieder das Unglück, daß derBall gerade auf das Papier siel, auf welchem derKönig schrieb. Dieser ward nun darüber unwilligund steckte den Ball in seine Tasche. Der Prinzbat sehr demüthig um Verzeihung und um seinenFederball; allein der König gab ihn nicht. DerPrinz bat noch dringender, aber vergebens. End-lich ward der Prinz des Bittens überdrüßig, tratvor den König hin, stemmte die Arme in die Seiteund fragte ihn mit drohender Miene:Ich frageSie, Sire, wollen Sie mir meinen Ball wieder-geben oder nicht?" Darauf nahm der Königden Ball lächelnd aus der Hasche, gab ihn demPrinzen und sagte:Du bist ein braver Junge;Dir werden sie Schlesien nicht wieder nehmen."

Ueberhaupt theilte der große König mit dertrefflichen Mutter des Prinzen die Sorge für dessenErziehung, und als derselbe die Kinderjahre zurück-gelegt hatte, ließ er ihn durch den würdigen Hos-

prediger Sack in der Religion, durch den geheimenRath Bcnisch in den Anfangsgründen der Wis-senschaften, durch den Akademiker Engel in derMoral, Philosophie und Aesthetik, und durch denObersten von Backhoff in der Kriegskunst unter-richten. Sein Oberhofmeister ward später der GrafKarl Adolf von Vrühl, zweiter ausgezeichneterSohn des berüchtigten sächsischen Ministers, wel-cher als ein Feind Friedrichs II. zum Theil den7jährigen Krieg veranlaßt hatte. Frühzeitig ent-wickelten sich in dem Prinzen nicht nur vorzüglicheAnlagen des Geistes, sondern auch die liebenswür-digsten Eigenschaften des Gemüthes, so daß er balddie schönsten Hoffnungen für seinen künftigen hohenBeruf erregte. In seinem ganzen Wesen offenbartesich ein gerader, ernster Sinn, richtiger Beobachtungs-geist, eine löblicheThätigkeitundOrdnungsliebe.SeineLehrer, wie seinen Oberhofmeister, liebte und schätzteer als Freunde mit Wärme, Offenheit und Zu-trauen; seine königliche Frau Mutter verehrte ermit inniger Zärtlichkeit und seinen Geschwistern be-wies er eine unwandelbare Liebe. Was seinekünftige hohe Bestimmung anlangt, so ist wohlnatürlich, daß des großen Friedrichs glänzen-des Beispiel, in Hinsicht seiner Lebensweise undRegententugenden, aus den empfänglichen Prinzennicht ohne wohlthätigen Einfluß blieb. Nachdemer so, unter der sorgfältigsten Leitung, sein 17. Jahrerreicht hatte, ward er, am 4. Juli 1787, vonSack feierlich konsirmirt.

Im August 1791 begleitete der nunmehrigeKronprinz, in Gesellschaft seines Oberhofmeisters,von der Truppenmusterung in Schlesien, seinen Va-ter zur Zusammenkunft mit dem Kaiser Leopold II.nach Pillnitz (2,'i27 Aug.), wo er nicht nur denErzherzog und nachmaligen Kaiser Franz II. und denFeldmarschall La sey, sondern auch den Grafen vonArtois (Karl X.), den ehemaligen Minister Gra-fen Calonne und den Fürsten Polignac, außerden anderen hohen Personen, kennen lernte, und woman, in Rücksicht seiner einnehmenden Erscheinungam Hofe und im Volke, so wie in Rücksicht seinertreffenden Bemerkungen, die günstigsten Urtheile überseine Persönlichkeit fällte. Als er das reizende Elb-tyal erblickte, äußerte er gegen einen seiner Be-gleiter:Wahrlich, hier ist gut sein! Und meinGroßonkel hatte wohl Recht, als er von Sachsensagte:Die Natur scheint hier selbst Hütten zubauen; wohin man tritt, läuft einem das Fett in dieSchuhe, und wohin man blickt, wird man von Weinund Schönheit trunken/'" In Pillnitz, wo die hohenHerrschaften mit aller Herzlichkeit und Pracht empfan-gen und mit jeder Art von Lustbarkeiten unterhaltenwurden, ging der Kronprinz oft allein, frei und un-gezwungen unter dem großen Haufen umher, wasallgemein gefiel, wie seine freundliche, wohlwollendeMiene. So ritt er auch am Morgen des 3. Ta-