Druckschrift 
3 (1842)
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Muleum kür preuhilche Vaterlandskunde.

Band m.

"-^>>^l^z<W^^^<

Lief. R8.

Minden,

Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirks undKreises in der Provinz Westfalen, und Festung2. Klasse, durch welche die westfälische Pforte(f. Bor. Bd. I. S. 49.) geschlossen wird, liegt ineiner angenehmen Gegend, theils in der Ebene,tbeils am AbHange einer Bergkette, 158Fuß über derNordsee, am linken Ufer der Weser, über welche eine6NNFuß lange und 24 Fuß breite, auf steinernen Bo-gen ruhende Brücke führt, und ist der Sitz einerköniglichen Regierung, einer Kommandantur, einesLandrathamtes, eines Land- und Stadtgerichts, ei-ner Provinzial-Eichungs-Kommission, eines Haupt-zollamtes, eines Rentamtes, einer Superintenden-tur, eines Gränzpostamtes und eines Provinzial-Bank-Comptoirs. Diese alte Stadt, von unregel-mäßiger Bauart, mit engen Straßen und altgothi-schen Hausern, hat 6 Thore, 3 öffentliche Plätze,4 evangelische und 2 katholische Kirchen (unter de-nen der herrliche Dom, s. Bor. Bd. I. S. 120),eine westfälische Gesellschaft zur Beförderung vater-ländischer Kultur, 1 Gymnasium, 1 Bürger-, Kna-ben- und Mädchenschule, 1 Schullehrer-Seminar,1 Hebammen - Institut, 1 Baugewerks-, 1 Ge-werbe- und 1 Sonntagsschule, 1 freiweltliches Fräu-leinstift, 1 neueres Waisenhaus, 1 Frauenverein,I Krankenversorgungsanstalt in dem 1712 gestifte-ten Waisenhause :c., überhaupt vortreffliche Armen-anstalten. Die Bevölkerung beläuft sich auf 8200Einwohner, in 950 Häusern. Außer Tuch-, Le-der-, Tabacks- und Seifenfabriken, machen Lein-weberei, Brauerei, Brennerei, Ackerbau, Schifffahrtund Handel mit Getreide, Leinsaat, Garn undLeinwand, Speditions-, Wechsel-, Kommissions-und Ausschnitigeschäfte die Hauptnahrungszweige aus.Auch halt man 2 Jahrmärkte und 1 Viehmarkt,Die Weserschifffahrt hat durch eine 1831 gebildetewestfälische Schifffahrtsgesellschaft, unterder Firma Rolfs und Komp., welche mit der bre-mer Schifffabrts-Direktion in Konkurrenz getre:enist, wesentliche Verbesserungen erhalten: Verbesse-rung des Schiffbaues, schnellere Fahrt, Verminde-rung der Frachtpreise, 1837 Stiftung einer west-fälischen Assekuranz-Kompagnie :c. Von der Süd-seite fließt die Bastau durch die Stadt, treibt 1 Loh-und 3 Mahlmühlen und ergießt sich alsdann in die We-ser. Auch mehre Windmühlen verschönern die Gegend.Eine besondere Erwähnung verdient die We-serbrücke nicht blos als Kunstwerk, wofür sie vonallen Kennern gehalten wird, sondern auch als schön-ster Punkt der schönen Gegend, welche sich aufderselben in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeitzeigt. Man steht der westfälischen Pforte gegen-über und siebt den glänzenden Strom seine Fluthenzwischen grünen Wiesen und lieblichen Ufern hin-wälzen; auf der einen Seite erblickt man die ganze

malerische Bergkette, welche sich westlich nach Os-nabrück hin, und südlich neben Vückeburg und Rin-teln hinaus, nach dem Harz zu in die Ferne ver-liert, mit dem dunkel hervortretenden Harrelberg,auf der anderen Seite die ungeheuere Ebene, welchevon hier bis zur Nordsee reicht, so daß ein Jeder,welcher zum ersten Male diese Brücke betritt, mitStaunen und Entzücken erfüllt wird. Auch ist sieder Magnet aller Spaziergänger. Baumeisterdieser herrlichen Brücke war der Hamburger Lü-decke, welcher 1594 auf die damals theils alten,theils neuen hölzernen Pfeiler 7 steinerne Bogensprengte und das kühne Werk bis 159? vollendete.Leider ward die Brücke durch die Franzosen 1813verstümmelt, indem sie bei ihrer Flucht 2 Pfeilersprengten, welche seitdem durch einen Holzüberwurfersetzt worden sind. Zwei kühne, patriotische Bür-ger, Fleschenträger und Kütemeier, wolltenes verhindern, indem der Eine muthig in die Höh-lung der Brücke hinabstieg, wo die brennende Luntel.ag, und der Andere Wasser herzutrug, die Luntezu löschen; aber ihr heldenmüthiges Beginnen wardentdeckt und nach ihrer schleunigen Flucht die Zer-störung ausgeführt. Indessen belohnte der KönigFriedrich Wilhelm II!. den kühnen Patriotis-mus jener Bürger mit dem allgemeinen Ehrenzei-chen 2. Klasse.

Nach dem Dome ist die Martini-Kirche,die Hauptkirche der Lutheraner, das vornehmste Ge-bäude unter Mindens 6 Kirchen. Sie ist im go-thischen Style, aus Quadern, zu Ende des 12. Jahr-hunderts erbauet, und hat seit 1511 den höchstenThurm in der Stadt. Ihre vielen Emporkirchensind mit Oelgemälden geziert, welche Gegenständeaus der biblischen Geschichte darstellen. Als Kunst-werk ist merkwürdig das große Altarqemälde, wahr-scheinlich von Lukas Kran ach. Die Hauptfigurist der heilige Martin, Bischof von Tours, wel-cher seinen Mantel mit dem Schwerte zerschneidet,um die eine Hälfte einem am Wege liegenden, nack-ten Unglücklichen umzuwerfen, Die kleine, ganzim neuern Geschmack erbaute, reformirte Kircheist oval und ohne Thurm. > Die übrigen öffent-lichen Gebäude sind: das Rath Haus am Marktemit einer Kuppel und guter Vorderseite; das Land-schaftshaus, das Kommandantenhaus, dasehemalige bischöfliche Haus, jetzt Sitz der Re-gierungsbehörden, die neue, prächtige Freimau-rerloge,Wittekind zur westfälischen Pforte",die Hauptwache, aus einer ehemaligen Kapelledes h. Johannes erbauet, das Zeughaus :c.Der Marktplatz, mit einigen hübschen Häusern,und der große Dom Hof, mit Bäumen bepflanzt,sind die ansehnlichsten Plätze der Stadt. Aus derBastei Schwichow steht das Denkmal des Ge-nerals Ernst von Schwichow. Eine angenehmeUeberraschung verursacht in den alten hohen Gie-