Muleum kür preuhilche Vaterlandskunde.
Band INI.
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Lief. R3.
Geschichtlicher Rückblick auf die Pro-vinz Posen vor 1813.
Wie die Schicksale einzelner Menschen und Fa-milien, so wechseln auch die ganzer Völker undStaaten: sie steigen und fallen im Laufe der Zeit,nach dem allgemeinen Gange irdischer Dinge.Durch alle Zeitraume der Vergangenheit, bis aufdie Tage der Gegenwart, sehen wir diesen Wech-sel in der Weltgeschichte: Völker und Staaten sindeine Zeit lang mächtig, siegreich und andere beherr-schend, werden dann wieder schwach, überwunden undbeherrscht, wie innere und äußere Ursachen es mit sichbringen. So auch Polen und der Ordensstaat der deut-schen Ritter in Preußen (s. Bor. Bd. I. S. 139 u. 153),Durch Polen entstand dieser und ging durch Polenwieder unter. Aber auch das große, machtige Po-len kam zu seiner Zeit an die Reihe, durch innern Ver-fall den äußeren Angriffen zu erliegen und unterzugehen.
Polen in den Ebenen der Weichsel, seit dem6. Jahrhundert von slavischen Stämmen bewohnt undvon der Beschaffenheit des Landes benannt, wardunter der Herrschaft der Könige aus dem Bauern-geschlechte der Plasten (1025—1370) und dannder Iagellonen von Lithauen (1386—1572) eingroßes Reich, welches das eigentliche Polen (Groß-polen an der Warte mit Posen, Kleinpolen an derWeichsel mit Krakau), Schlesien, Pommerellen, TheilePreußens, Rotbreußen (Galizien), Lithauen, Podo-lien mit der Küste des schwarzen Meeres, Weiß-rußland, Volhynien, Kiew, Severien, Tschernigow,mit Hoheitsreckten über Pommern, Preußen, dieMoldau und Walachei, nach und nach umfaßte,mehrmals die Kronen Ungarns und Böhmens aufdem Haupte seiner Könige sah und bis in die Mittedes 16, Jahrhunderts so machtig war, daß es demEzaar von Moskau Gesetze vorschrieb und dem Groß-sultan der Türkei Befehle gab; daß der deutsche Kaisersich um seine Freundschaft bewarb, der König vonSchweden seinen Angriff fürchtete und die Kurfürstenvon Brandenburg, als Herzoge von Preußen, seineVasallen waren. Damals erstreckte es sich von Dan-zig und Polangen an der Ostsee bis Oczakow amschwarzen Meere, von Posen und Krakau bis Smo-lensk, und war der mächtigste Staat im NordenEuropas. Seit 1561 kam noch Livland mit Kur-land und Semgallen dazu.
Dieser gewaltige Staat aber, nur durch dieSchwäche und Rohheit seiner Nachbarn zu dieserfurchtbaren Größe angewachsen, hatte keine innereEinheit, keine gesetzliche Ordnung, keine bürgerlicheFreiheit; der Edelmann war allein Staatsbürger,beschränkte so viel als möglich die Macht des Kö-nigs, und ließ den wohlthätigen Bürgerstand nichtaufkommen; der leibeigene Bauer nannte nur dassein, was er vertrank, und war fortwährend, wieder unbemittelte Edelmann, ein Schuldner der Ju-
den, welche den Nationalwohlstand erstickten. Nächstden Magnaten und Juden waren es seit 1582 dieJesuiten, welche durch politischen und religiösen Zwie-spalt dem Staate verderblich wurden. Nach demAussterben derIagellonen verwandelten die Mag-naten das Erdreich in ein Wahlreich, welches sieRepublik nannten, rissen die ganze Staatsgewaltan sich, machten den Besitz des Thrones von demMeistbietenden abhängig, und führten so den Staatmit raschen Schritten seinem Untergänge entgegen.Die polnischen Truppen drangen zwar 1634 nocheinmal siegreich bis Moskau vor; aber im Kriegemit Schweden (1654—60) zeigte sich schon die ganzeOhnmacht des Staates. Die Schweden erobertenPosen, Kalisch, Warschau und Krakau, und derKönig mußte nach Schlesien entfliehen. Der großeKurfürst entzog Preußen 165? der polnischen Lehns-hoheit, und Schweden erlangte im Frieden zu Oliva1660 Livland bis auf den südlichen Theil. Nochunglücklicher endete der Krieg mit Rußland (1658bis 67). Polen verlor Smolensk, Severien, Tscher-nigow, Kiew und die Ukraine. Der damalige Kö-nig Johann Kasimir (1648—69) sagte daherschon 1661 der Reichsversammlung Polens künfti-ges Schicksal voraus: „Mitten unter inneren Spal-tungen müssen wir die Zerstückelung des Vaterlan-des befürchten. Der Moskowiter wird die Völkerseiner Zunge unterwerfen; Lithauen, Großpolen undPolnisch-Preußen werden dem Hause Brandenburgzufallen; und bei der allgemeinen Zersplitterung wirdauch Oestreich sich nicht vergessen. Krakau und seineUmgebungen weiden dessen Beute werden." — Destraurigen Zustandes überdrüßig dankte er zuletzt ab,eine Abtei in Frankreich dem polnischen Throne vor-ziehend. — Nur kurze Zeit machte Johann So-bieskis (1679—96) Feldherrntalent die polnischeKriegsmacht wieder furchtbar. Unter den beiden säch-sischen Augusten (1697—1763) sank mit der kö-niglichen Macht die Staatskraft immer mehr, dieAnarchie griff immer weiter um sich, und schon 1704verfügten schwedische Waffen über den polnischenThron, wie 1733 und 1764 die russischen.— Sta-nislaus Poniatowski (1764—95), durch Ruß-lands Einfluß auf den Thron gehoben, war nurein bellagenswerther Schattenkönig, welcher selbstdie Russen gegen die aristokratisch-katholische Par-tei in's Land rufen mußte. Vergeblich bildete sichdagegen die Konföderation zu Bar: ein verheerenderKrieg mit Rußland brach aus, aber die Russen blie-ben verstärkt in Polen stehen. Der wilde Faktions-Geist ward immer ärger und die innere Zerrüttungimmer größer, indem Rußland den kirchlichen undpolitischen Zwiespalt nährte. Der Thron ward 1771von der barer Konföderation für erledigt erklärt undder machtlose König aus seiner Residenz entfübrt.Da nahm Oestreich die 1402 von Ungarn an Po-len verpfändeten zipser Städte, und bald darauf