Mulemn lür preulzitche Vaterlandskunde.
Band m.
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Lies. 8.
Das Riesengebirge.
Das Riesen geb irge ist jener Theil der Su-detenkette, welcher sich in Schlesien von Westnordwestnach Ostsüdost, oder von den Quellen des Queisesbis zu denen des Bobers erstreckt, und zwar durchdie Kreise Löwenberg, Hirschberg und Landeshut, ineiner Länge von 5, und von Norden gegen Süden ineiner Breite von 5 Meilen und darüber, mit Hin-zurechnung der südlichen Vorberge Böhmens. Nachdieser Seite hin fällt der Höhenzug mehr terrassen-förmig ab, wahrend er von schlesischer Seite ziem-lich steil gegen 3 bis 4000 F. hoch bis zu dem ei-gentlichen, kaum Z Meilen breiten Hochgebirge auf-steigt, dessen Koppen und Rücken den sogenanntenKamm bilden, der in der 5UW F. hohen Schnee-oder Riesenkoppe seinen Kern und Kulminations-punkt hat.
Es ist zugleich die größte Erhebung-bes ganzennördlichen Deutschlands, welcher die übrigen Gipfeldes Höhenzuges mehr oder weniger sich nähern, undzwar die meisten nur mit dem Abstände einiger100 Fuß. Dieser Höhe und den klimatischen Ver-hältnissen zufolge, welche aus seiner geographischenLage hervorgehen, bildet das Riesengebirge gewisser-maßen den Uebergang zwischen den übrigen Gebir-gen Deutschlands und den Alpen, deren Natur esbereits annimmt, obschon es noch weit unter derbekanntlich in 6UNU F. Höhe gedachten Schneelinieliegt. — Den Riesenkamm, über den die schlesisch-böhmische Gränze hinläuft, theilt ein tiefer Einschnitt,die Mäbelwiese, in den östlichen und westlichen Flü-gel, und jeder derselben hat wieder zwei Kämme,nördlich den schlesischen, südlich den böhmischen. Diemuldenförmige Niederung zwischen beiden heißt öst-lich die weiße, westlich die Elbwiese.
Der geognostischen Beschaffenheit nachist grobkörniger Granit, der in Flußbetten, Fels-gruppen und Felswänden oft zu Tage steht, der vor-herrschende Charakter. Oft aber sieht man aus demGranit auch Gneus, und auf und in diesem Glim-merschiefer, wie am Fuße des Isergebirges hin; mit-unter enthält er sogar Granaten- und Erzlager.
Geologisch betrachtet, hat wenigstens der ei-gentliche Riesenkamm manch unterscheidendes Merk-mal im Vergleiche mit den übrigen Höhenzügen derSudeten. Wenn seltsame Felsbildungen, wie' siein dem berühmten Felslabyrinth zu Adersbach diezusammengedrängte abenteuerlichste Bedeutung er-langt haben, in dem weichen, leicht bildsamen Sand-steine des Heuscheuergebirges, des offenbar jüngstenGebirgszuges der Sudeten, überall vorkommen, ja deneigentlichen Charakter der Gebirgssormation ausma-chen; so erscheinen die grotesken Felsgruppen desRiesengebirges, aus Granit, der festen Urgebirgsart,bestehend, dagegen um so merkwürdiger. Sie sindmit seltsamer Schöpfungslaune, als wunderbare
Wahrzeichen des Urkampfes der sich gestaltendenElemente, auf dem Kamme hin zerstreut, und diebekanntesten darunter: die Quark- und Schwein-steine am Reifträger, die Veilchensteine am Spitz-berge, der Grubenstein oder die Teufelskanzel an dergroßen Schneegrube, der Saustein, der Semmeljunge,der Kober-, Luder-, Thurm- und Mannsstein aufder Mädelwiese, der Mittagsstein am Nordgehängedes Lahnberges, noch tiefer an diesem die drei Thurm-ruinen ähnlichen Dreisteine, und in deren Nähe dasKatzenschloß, der Katzenstein, der große Stein und Rü-bezahls Kanzel. Man kann dergleichen imposanteHieroglyphen der Schöpfungsepoche als Merkzeichenim großen romantischen Bilderbuche dieser Alpenre-gion betrachten, in welcher der Mensch noch nichtsverkünstelt hat, und schüchtern nur seine Hirtenwoh-nung an die Berglehnen und den darüber hinstürzen-den Quell baut.
Wunderbarer und großartiger noch erscheintjene gestaltende Schöpfungslaune an einzelnen be-deutenden Erhebungen des Kammes selbst, wie amReifträger, Spitzberge, hohen Rade und der großenund kleinen Sturmhaube. Es bestehen diese Berg-riesen aus nackten, wild aufeinander geworfenenGranitblöcken der verschiedensten Größe, und ein ein-ziger dieser Haufen dürfte ausreichend die Bausteinezu einer ansehnlichen Stadt liefern. Der gewöhn-liche nüchterne Mensch sieht in diesen Riesenbollwer-ken freilich nur, was sie sind: wunderbare unge-heuere Steinhaufen; der Poet aber knüpft vielleichteine reiche märchenhafte Traumwelt daran. DasAuge seiner Phantasie durchdringt die Nebelfernenjener Schöpfungszeit, in der diese Massen entstan-den, und belebt ihre Bedeutung durch Kampf- oderSpielscenen von Riesen, als deren Denkmale sie ver-blieben. Auf ein vorwellliches Riesengeschlecht liegtfür ihn schon eine Hindeutung in dem Namen desGebirges; außerdem erzählt die Sage der böhmischenStadt Arnau: diese sei die erste im Hochgebirgeund dasselbe von Riesen bewohnt gewesen. Nocherinnern an der Vorderseite des dortigen Rathhauseszwei Riesengestalten daran, daß sie in die Stadteingedrungen und nur durch heißes Wasser undTräber ausgetrieben worden seien.— Auch zu denElementargeistern kann der Dichter sich leicht ver-steigen, und dann die Entstehung jener Konglome-rate aus einer tollen Laune des Rübezahls, desGeisterkönigs der Sudeten, erklären; denn Geister-macht oder menschliche Riesenkräfte oder Riesenlaunengehörten zu diesen Werken, wie nur die Hindusin tausendjähriger Beharrlichkeit, ihren Göttern zuEhren, bewundernswürdigere ausführten, indem sieganze Berge zu plastisch geschmückten Tempeln aus-höhlten.
Will man den Namen des Riesengebirges vonseiner Höhe ableiten, so erklärt der trockene wissen-schaftliche Verstand, jener könne nur nach den be-