Muleum kür preuhilche VaterlandsKunde.
Band m
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Lief. 3.
Fürst Leopold von Anhalt-Dessau,
königl. preußischer Feldmarschall.
Unter den vielen Fürsten von Anhalt-Dessau,welche in der preußischen Generalität einen hohenRang einnahmen, ist Leopold unstreitig eine dermerkwürdigsten Erscheinungen, dessen Originalität undunerschütterliche Willensfestigkeit einen sehr sprechen-den Beweis liefern, wie groß der Einfluß der erstenErziehung und die Macht der Verhältnisse aus dieEntwickelung des Charakters ist. Sein Vater, derlegierende Fürst Johann Georg, war durch seineGemahlinn, eine Prinzessinn von Oranien, mit demKurfürsten Friedrich Wilhelm dem Großenvon Brandenburg verschwägert, und stand als Feldmar-sckall und Statthalter der Mark in dessen Diensten.Nach einem früh verstorbenen Prinzen und siebenPrinzessinnen, erschien dem fürstlichen Hause am3. Juli 1676 in Leopold wieder ein lang er-sehnter und kaum noch gehosster Erbprinz, undman darf es deßhalb dem Vater nicht verar-gen, daß ihn die Sorge für die Erhaltung dieseseinzigen männlichen Sprößlings etwas auf Abwegeführte; denn er gab die gemessensten Befehle, daßder kleine Prinz in keiner Art einen Zwang erlei-den sollte, damit Körper, Geist und Gemüth sichungestört entwickeln könnten. War auch der kräf-tige Sinn des alten Fürsten Bürge, daß hierauskeine Verzärtelung entsprang; so mußte doch diesegänzliche Willensfreiheit nothwendig zu einer ebenso originellen als einseitigen Ausbildung führen,was die Folge hinlänglich bewiesen hat.
Schon vom neunten Iabre an begleitete Leo-pold seinen Vater auf die Jagd, theilte alle Be-schwerden des Gefolges, und brachte manche Nachtunter freiem Himmel zu. Nächstdem nahm er daslebhafteste Interesse an allen militärischen Uebun-gen, und machte die Handhabung der Waffen zuseiner liebsten Beschäftigung. Die Körperkraft ent-wickelte sich dadurch mit überraschender Schnelligkeit,aber der Geist blieb ohne Bildung, und außer derfranzösischen Sprache, wofür der kleine Prinz einigeNeigung zeigte, mußte man darauf verzichten, ihmselbst die gewöhnlichsten Schulkenntnisse beizubrin-gen; was er später sich davon aneignete, geschah nurauf dem Wege geselliger Unterhaltung. Dagegenäußerte sich bei jeder Gelegenheit der entschiedenste,durch nichts beschränkte Wille, und ein gebieterischerTrotz, der keinen Widerspruch duldete, doch aber mitnatürlicher Gutmüthigkeit gepaart war. Diese In-dividualität, welche mit den Jahren sich immerstärker kund gab, entsprach den Forderungen an ei-nen künftigen Regenten allerdings sehr wenig, undkonnte sich nur im rauhen Dienste der Waffengeltend machen, wozu ihn der Fürst ausschließlich er-ziehen ließ. Auf Ansuchen desselben ernannte Kai-ser Leopold den Prinzen schon im 12. Jahre zum
Obersten und Inhaber eines Infanterie-Regiments,und dieser widmete sich seiner militärischen Ausbil-dung nun mit noch größerem Eifer.
Im August 1693 starb der alte Fürst vonAnhalt, und seine Wittwe übernahm, wegen Leo-polds Minderjährigkeit, sowohl die Verwaltungdes kleinen Landes, als die Vormundschaft ihres Soh-nes. Dieser konnte mithin sich ganz seiner Lieb-lingsbeschäftigung überlassen. Aber so heftig auchdes jungen Fürsten Leidenschaft für das Soldaten-wesen war, so gab er doch auch einer andern, nichtminder heftigen Leidenschaft Raum, nämlich einerfrüh aufkeimenden Liebe zu der schönen und edlen16jährigen Tochter des Apothekers Föse in Des-sau, der einzigen unter allen seinen Iugendgespielen,welche schon als kleines Mädchen den vortheilhaftestenEinfluß auf den unbändigen Knaben geäußert hatte.Die tugendhafte Anna widerstand jedoch den stür-mischen Bewerbungen ihres Liebhabers, und da der-selbe nicht gewohnt war, aus persönlichen Rücksich-ten irgend einen Wunsch zu unterdrücken, erklärte,er seiner Mutter mit aller Bestimmtheit eines ent-schiedenen Willens, daß er die schöne Anna zuseiner Gemahlinn erheben werde. Die Fürstinnhoffte, durch Entfernung ihres Sohnes von demGegenstande seiner Leidenschaft, eine solche Miß-heirath zu verhindern, und wußte es dahin zu brin-gen, daß Leopold in Begleitung seines Hofmei-sters, eines Herin von Ehalisac, noch dasselbeJahr eine Reise nach Italien antrat; ihr Haupt-zweck wurde aber dadurch nicht erreicht.
In Venedig traf Leopold mit dem Kurprin-zen August von Sachsen zusammen, und bestandmit ihm manches Abenteuer. Seine ganze Lebens-weise war überhaupt wild und roh zu nennen, und derHofmeister mußte bald darauf verzichten, seinenZögling zu leiten, ja er war sogar häusigen Aus-brüchen seines Zornes blosgestellt, und selbst einmalin Gefahr, von ihm getödtet zu werden. Nur Cha-ll sacs Ruhe und Seelenstärke rettete ihn hier;denn als der zornglühende Fürst mit dem Pistolauf ihn zurannte, sagte jener: „Schießen Siemich todt, aber bedenken Sie zuvor, wie diese Thateinst in der Geschichte der Fürsten von Anhalt sichausnehmen wird." Entwaffnet durch diese treffendenWorte, umarmte Leopold seinen Hofmeister undbat ihn um Verzeihung, ohne sich gerade um Vieleszu bessern.
Ungefähr ein Jahr dauerte der Aufenthalt inItalien, wo der Fürst nach und nach bei allenHöfen Besuche abstattete und manche interessantefürstliche Bekanntschaft machte, die seinen militäri-schen Neigungen bald eine bestimmtere Richtunggab. An den Denkmälern der Kunst und Geschichteging Leopold gleichgiltig vorüber; dagegen betrieber die ritterlichen Uebungen mit dem größten Eifer,und zog als kühner, gewandter Reiter, geschickter