Mulemn lür preuhilche ilaterlandskunde.
Band KNI
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Lies. 2.
Johann Wilhelm Ludwig Gleim.
Es giebt einen Zeitraum in der Geschichte derdeutschen Literatur, dessen Erscheinungen und Per-sönlichkeiten einen erfreulichen Gegensatz gegen denCharakter des liierarischen Lebens unserer Tage bil-den. Hat man unserem Zeitalter, und wohl nichtmit Unrecht, schon im Allgemeinen den Vorwurfder Selbstsucht und des Ueberwiegens der materiellenInteressen gemacht; so kann es nicht Wunder neh-men, daß dieser allgemeine Charakter der Zeitsich auch in deren einzelnen Erscheinungen, undmithin auch in den Persönlichkeiten der Literatur ab-spiegelt und ausprägt. Man könnte das liierarischeTreiben in unseren Tagen mit dem Schauspiel einer hab-gierigen Menge, unter welche Geld geworfen wird,oder mit dem verzweifelten Drängen eines auf demRückzüge begriffenen Heeres, dessen gejagte Haufenin wilder Flucht dem engen Uebergange über einenreißenden Strom zudrängen, nicht unpassend ver-gleichen. — Unwillig über ein solches Schauspielwendet sich daher der Blick des Beschauers mitum so größerem Behagen auf einen Abschnittunserer Literaturgeschichte, der, wie gesagt, einenerfreulichen Gegensatz zu unseren Tagen bildet. Es istdieß jene Zeit der wahren Begeisterung für das Großeund Schöne, vor welcher Selbstsucht und Eitelkeitin den Hintergrund traten; jene Zeit des gegensei-gen Hebens und Tragens; jene Zeit, in welcher die-jenigen, die Deutschland damals seine größten Gei-ster nannte, eine Liebe und Freundschaft so zärtlicher,so begeisterter Natur umschlang, daß wir die Idealeder Freundschaft im klassischen Alterthume wiederaufgelebt und verwirklicht glauben möchten, mit ei-nem Worte: jene Zeit, die einen Gleim, Klop-stock, Lessing, Wieland, Herder und Anderegebar, deren Verdienst und Größe nur eine undank-bar, auf den Schultern der Vorzeit groß gewordene,Jugend zu verkleinern und zu schmähen wagenkann. — Die schönsten Züge aber des tiefen, ge-müthlichen Charakters jener Lueraturepoche vereinigtder Mann in sich, dessen Leben wir in diesen Blät-tern vor unsern Lesern aufzurollen gedenkt n, undmit dessen Namen schon sich die Begriffe heimischerGemüthlichkeit verbinden. Denn wer kennt nichtden alten Gleim, wer nicht den alten Gre-nadier?
Am Sonntage Palmarum, den 2. April 1719,wurde in dem im Fürstenthum Halberstadt, in ei-ner schönen Gegend, am Selkebach gelegenen Städt-chen Ermsleben, dem Obereinnehmer des Kreises,Johann Laurcntius Gleim, das vierte seiner zwölfKinder, ein Knabe, geboren, der die Namen Jo-hann Wilhelm Ludwig erhielt. Sein Vater warein sehr glücklich organisirter, für alles Gute undSchöne empfänglicher Mann, von starkem und hefti-gem Charakter, beharrlichem Willen und Liebe zu
den Wissenschaften; seine Mutter, eine vortreffliche,kluge Hausfrau, sehr wohlthätig und überaus fromm,die oft im verschlossenen Kämmerlein auf den Knieenlag im Gebet für ihre Kinder. Unser Wilhelm warder ernsthafteste seiner Geschwister und darum derLiebling seiner Aeltern: er ward schon in seinem drittenJahre dem Rector Schumann zu Ermsleben zumSchulunterricht übergeben. Schon im 8. und 9.Jahre ging er seinem Vater in dessen Berufe mitSchreiben an, die Hand, und begleitete ihn auf sei-nen Reisen in die zu seiner Kreiseinnahme gehörigenDorfschaften, wobei der Knabe die schönsten Verg-gegenden sah und unzählige Beigbäche rauschen hörte,wodurch sich freundliche Bilder der Natur der jugend-lichen Phantasie tief einprägten. Im zehnten Jahrewurde der Knabe dem Prediger N. Zabel zu Ober-börnecke, einem halberstädtischen Dorfe, übergeben,der in seinen zwei Töchtern, dem jungen Gleimund einem anderen Knaben, ein kleines Auditoriumum sich versammelte, dem er Unterricht in der he-bräischen, griechischen und lateinischen Sprache er-theilte. Die steißigen Schüler konnten sämmtlichdie füns Bücher Moses auswendig, und hielten beiGelegenheit der Jubelfeier der augsburgischen Kon-fession, im Jahre 1739, in der Kirche zu Oberbör-necke gelehrte Reden und Disputationen. Mit sol-chen Vorkenntnissen ausgerüstet, bezog der Knabedie Stadtschule zu Wernigerode, welcher der RectorE. F. Schütze vorstand, hätte aber in den erstenOsterserien, welche er auf Besuch zu Hause zubrachte,beinahe sein junges Leben eingebüßt. Auf einemSpaziecgange zu einem Freunde seines Vaters, demPrediger Lim bürg zu Sinsleben, siel er nämlichin den angeschwollenen Selkebach, wurde zwar voneinem alten Manne herausgezogen, aber für todt nachSinsleben gebracht, wo er erst durch das Verfahrendes Predigers in's Leben zurückkehrte. Durch dieerbetene Verlängerung des Aufenthaltes wurde je-doch den zärtlichen Aeltern dieser Unfall verborgen.
Der fleißige, einnehmende Knabe erwarb sichzu Wernigerode mehrere für seine Bildung wichtige,Gönner, unter denen namentlich der GrafLhristianErnst zu Stolberg-Wernigerode, der ihm den Ge-brauch seiner Bibliothek gestattete, und mit manchemBuche beschenkte, und der Geheimrath Reinhardt,der ihn zu Tische zog und die alten Klassiker mitihm las, zu nennen sind. Leider hatte er schonim sechzehnten Jahre das Unglück, seine ihm theuernAeltern zu verlieren! Von der Krankheit des ge-liebten Vaters, die ihm verschwiegen werden sollte,dennoch unterrichtet, weint der Jüngling die ganzeNacht, springt um Mitternacht aus dem Bette undbestürmt den Rector, ihn nach Hause gehen zu las-sen. Des Rectors Sohn, sein Herzensfreund, wirktdie Erlaubniß aus, und es reisen beide allein in ei-nem zweiradrigen Fuhrwerk ab. Schon im Ange-sicht des weißen Thurmes von Ermsleben, bricht