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Wandmalereien des christlichen Mittelalters in den Rheinlanden
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als die Austreibung der Wechsler und Taubenkrämer aus dem Tempel in demBild über dem Westportal in Schwarz-Rheindorf gewiss nicht ohne die bestimmteAbsicht angebracht ist, um damit den Gedanken auszusprechen: Lass beim Eintrittin Gottes Haus das irdische Trachten zurück und banne das Alltägliche ausdeiner Seele. Mit noch grösserem Nachdruck verkündet nebenan über derThür zum Nonnenchor der Engel des Paradieses mit emporgehaltenem Schwertediese Mahnung den geweihten Jungfrauen des Stiftes 1 ).

Ungeachtet dieser Gemeinsamkeit beider Werke begegnet man in ihnendoch zwei vollständig entgegengesetzten Strebungen. In Brauweiler ist nochdie Nachwirkung der römischen, wie der byzantinischen Kunst ersicht-lich. An jene erinnert durchaus der Typus der grossen Christusfigur sowiedie Costüme der heiligen Krieger (Taf. YII, 4). Die Schleifung des Hippo-lytus, die Gestalt des siegenden Simson könnten recht wohl auch der antikenKunst angehören; die Physiognomie des Rosselenkers ähnelt dem Kopfe Nero's;auch die Gewandmotive haben noch durchgängig knappen und antiken Zuschnitt.Den Anklang an die byzantinische Hofsitte, mit bedeckten Händen zu erschei-nen 2 ), zeigt die verhüllte Linke Simsons; an byzantinische Kunst erinnern auchdie vergoldeten, mit ornamentirten Verzierungen versehenen Nimben und Ge-wandborten, sowie das gestriegelte Haar der Heiligen. Die Behandlung desNackten ist mager und schematisch, aber nicht unverständig. Obgleich vieleder einzelnen Vorgänge eine dramatisch entwickelte Auffassung herausfordern so z. B. der Sieg Simsons, die Steinigung Stephani, die Schlacht der Ammo-niter, lassen sich doch höchstens bei letzterer in dem verschiedenartigenVerhalten der Teberfallenen die Anfänge derselben erkennen, während alleübrigen Darstellungen in einfacher fast plastischer Ruhe verharren. Nur seltendurchbricht ein rein naturalistischer Trieb die stilvolle Haltung, wie ihn z. B.das Abputzen des Blutes vom Schwerte nach geschehener und vor neuer Hin-richtung (Taf. XII, 21) bekundet.

Ganz anders in Schwarz-Rheindorf. Hier waltet ein von denFesseln der Tradition vollständig befreiter Geist. Reminiscenzen an die römischeund byzantinische Kunst sind nicht mehr ersichtlich. An ihrer Stelle durchziehtein frischer, kräftiger, naturalistischer Trieb die Gebilde. Während bis dahinz. B. für die Ausschmückung der Altarnischen die Darstellung des wiederkeh-renden Heilandes mit Maria, Johannes, den Titular-Heiligen und den Symbolender Evangelisten in jener, durch den Typus der altchristlichen Mosaiken fest-gestellten Weise massgebend war, tritt uns hier an gleicher Stelle zwar die ähn-liche Darstellung, aber in einer freien, auf das Vorwalten des Symbolischenverzichtenden Weise entgegen, wie sie nur einem modernen Künstler erlaubtsein würde. Diesem naturalistischen, nach materieller Wahrheit strebenden neuenDarstellungstriebe entspricht es auch gleichmässig, wenn bei der Kreuzigung

1) Vergl. Simons Jahrb. X, S. 173.

2) Meine Kunstdenkmäler II, 92.

der Kriegsknecht mit voller Wucht die Lanze in die Seite des Heilandes stösst,bei der Verklärung die geblendeten Jünger durch die schützend vorgehalteneHand hindurch zum Herrn aufschauen, wenn ferner bei der Ausrottung der Judenein wirklicher Kampf stattfindet (XXIII, 14), bei der Vertreibung aus dem Tempeldie Wechsler und Taubenkrämer zum Theil hinfallen, zum Theil weglaufen,die Bewegungen der auftretenden Personen überhaupt stärker und gewaltsamerhervortreten.

Auch die Gewandung, wenngleich sie, wie besonders bei der Figurdes Elias in der Verklärung, noch in antiker Weise den Formen und Bewe-gungen des Körpers sich anschliesst, ist durchgängig flüchtiger und faltenreicher,weniger knapp und einfach, als die der Darstellungen in Brauweiler ; auch zeigt siehäufiger die in etwas späterer Zeit erst auftretenden springenden und hüpfenden Mo-tive. An die Stelle der in den Brauweiler Bildern durchweg gestriegelten Haare, diehier nur selten, z. B. am Kopf des Cherub (Taf. XXXII, 1), sichtbar werden, tritteine freie Behandlung derselben. Zum ersten Male erscheinen die in Brauweilernicht vorkommenden und später so characteristischen spitzen Judenhüte (Taf.XXVIII). Endlich bezeugen auch die ornamentirten Bänder den Unterschied,der zwischen dem überlieferten, gebundenen und strengen Stil in Brauweilerund dem neuen, schwungvolleren in Rheindorf hervortritt. Freilich sind gleich-artig in den breiten Gurtbögen an beiden Orten Medaillons mit Halbfiguren(Taf. I, XVIII, XX) eingestellt, aber die Ornamentation derselben hält sich zuBrauweiler noch ganz in strengen, steifen, meist geometrischen Motiven, währendsie diese zu Schwarz-Rheindorf in grosser Freiheit mit vegetabilischen verbindetund in spielender Weise hüpfende Vogelgestalten zur Belebung verwendet.

Die Malereien in der Oberkirche zu Schwarz-Rheindorf sind roher,steifer und handwerksmässiger als in der Unterkirche ; dadurch erzeugen sieim ersten Augenblick den Eindruck, als gehörten sie einem altern Stil an. Eineeingehendere Betrachtung lässt indess bald erkennen, dass ein bewusster Archais-mus hier den Pinsel leitete. Denn die schon der gothischen Kunstweise ange-hörigen Verzierungen, welche sich auf dem Bilde der Absis am Thronsessel,im Nimbus und auf dem Buche des Heilandes finden, lassen keinen Zweifeldarüber bestehen, dass diese Bilder in einer um Jahrzehnte späteren Zeit, amWendepunkt des 12. und 13. Jahrhunderts geschaffen wurden, und dass nurdurch das Streben minder begabter Künstler, die, in der alten Mode malend,über den freien geistigen Schwung der Maler der Unterkirche nicht verfügten,jener täuschende ältere Character entstanden ist.

Hadewig, die erste Aebtissin nach ihres Bruders Arnold Tode, warzugleich Aebtissin von Essen und Gerresheim.

Das Erscheinen der Titularheiligen dieser Damenstifter auf dem Rhein-dorfer Chorbilde würde deshalb auch ohne die persönliche Darstellung Arnoldund Hadewig's zu Füssen des salvator mundi einen Hinweis gewähren, dass Letz-tere die Ausschmückung des Nonnenchores ausführen Hess. Dass dies erst nachder vollständigen Fertigstellung der unteren Kirche geschah, liegt in der Naturder Sache.