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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
Seite
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Band VIT.

I. Geistesstörungen nach Verletzungen.

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Ausgang.Bemerkungen.

An den Brust- und Unterleibsorganen ist etwas Krankhaftes nicht nachzuweisen; der Herzschlag ist verhältnissmässigkräftig, der Puls gleichmässig 84 in der Minute. Dagegen sind folgende Erscheinungen als Symptome einer Erkrankung desGehirns und Rückenmarks zu nennen:

Erstens das Zittern der Extremitäten bei zu bestimmten Zwecken vorgenommenen Bewegungen, sogenannteslntentions-zittern. Will Pat. einen Gegenstand erfassen, gleichviel ob mit der rechten oder linken Hand, so zittert diese gewöhnlich, bis erdenselben erfasst und auch noch in den ersten Momenten, nachdem er ihn ergriffen hat. Je länger es zufolge der den Zweckverfehlenden Manipulation oder zufolge der eigenthümlichen Form des Gegenstandes, des Geräthes, dauert, bis er dieses sicherfest hält, desto stärker wird das Zittern. Andererseits wird es durch die krankhafte Hast beim Zugreifen, durch psychischeErregung, manchmal auch ohne deutlich nachweisbare Ursache gesteigert. Die Abnahme der Muskelkraft besonders des rechtenArmes erschwert natürlich ausserdem noch das sichere und längere Festhalten. Gleiches gilt bezüglich der unteren Extremitäten.Liegt oder sitzt er ruhig da, so zittern die Füsse nicht; will er aber mit Bedacht eine zweckentsprechende Bewegung ausführen,so beginnt das Zittern. Will er eine etwas höhere Stubenschwelle, einen im Wege liegenden Gegenstand überschreiten, wobei ermit Aufmerksamkeit verfahren muss, so zittert der Fuss; die Besorgniss, das Hinderniss nicht überwinden zu können, steigert dasZittern, die ganze Körperhaltung wird eine unsichere und er ist dem Umfallen nahe. Die Erfolglosigkeit der angewandten Mühebei gewissen Verrichtungen hat im Zusammenhang mit der erwähnten Abnahme der Muskelkraft häufig eine Art von schnellerErmattung im Gefolge, Pat. lässt Arme und Beine sinken und wartet, bis ihm geholfen wird.

Dazukommen noch andere Nervenstörungen, besonders in den unteren Extremitäten. Pat. hat einen schleppenden Gangmit etwas eingeknickten Knieen, nur langsam und mit kurzen Schritten geht er einher, unbeholfen und schwerfällig. DieSehnenreflexe sind gesteigert, das Beklopfen des Beines unterhalb der Kniescheibe löst starke und dem Patienten sehrunangenehme Kefiexerscheinungen aus, das ganze Bein geräth in fibrirende Zuckungen, ebenso bringt Klopfen oder Druck auf diegrosse Zehe, Beiben an den Fussseiten längere Zitterbewegungen des ganzen Unterschenkels hervor. Aehnliche Erscheinungentreten auf, wenn Pat. sich unerwartet an die Fussspitzen stösst. Er muss mit Eücksicht auf alle die angeführten Umständeheim Erheben aus dem Bette, sich Niederlegen, beim Stehen und Hinsetzen auf den Stuhl, selbstverständlich bei jedem Gange voneiner anderen Person geführt und unterstützt werden, bei längerem Gehen und auf nicht ebenem Boden sogar von zwei Personen,sowohl wegen des an sich starken und schweren Körpers, wie wegen der im Freien vermehrten Gefahr des Hinfallens.

Sodann sind die Sprachstörungen zu erwähnen. Pat. vermag nicht einen Satz zusammenhängend zu sprechen. Nurmühsam bringt er die Worte vor, nur langsam spricht er sie aus; bei etwas schwierigeren verstellt er die Buchstaben, die Silben,lässt Silben aus, steht auch ganz vom Sprechen ab, wenn er mit dem Aussprechen nicht fertig wird. Manche Worte sind ganzunverständlich. Häufig ringt er mühevoll, um überhaupt mit dem Sprechen zu beginnen, blickt aufgeregt um sich, greift wiezur Hülfe nach dem Nächststehenden und nickt mit dem Kopfe, wenn das errathen ist, was er hat sagen wollen. Im Ganzen sprichter in der neueren Zeit sehr wenig. An einzelnen Tagen besteht sein Sprechen nur in nein, nein, ja, ja oder in demschreienden Hervorstossen einzelner Worte, wenn er ungeduldig wird. Hierzu kommt als letztes und hauptsächliches Zeicheneiner immer weiter um sich greifenden Gehirnerkrankung die sichtliche Abnahme der Geisteskräfte. Pat. liegt, wie erwähnt, fastbeständig zu Bett, meist still und ruhig, ohne Verlangen nach irgend einer Unterhaltung. Er fragt nichts, er fordert nichts, erbeschäftigt sich kaum mit etwas. Er schaut die sich in der Nähe Unterhaltenden mit grossen Augen an, lächelt bisweilen,spricht oder schreit mitunter ein unpassendes Wort dazwischen. Auf die Frage, wie es ihm geht, erwidert er stets:gut."Sonst verneint er nach wenigen Minuten, was er jetzt bejaht hat, so dass man annehmen muss, er habe den Sinn der Fragengar nicht verstanden. Das Gedächtniss ist schwach geworden. Theilnahme an irgend welchen, auch den nächsten Bekannten oderVorgängen, bekundet er nur ganz ausnahmsweise. Er nimmt sich wohl ein Buch, eiu Tagesblatt vor, hat aber kein Verständnissfür das mehr mechanisch Angeschaute als wirklich Gelesene. Beim Befragen zeigt er wie ein Kind auf dieses und jenes Wortund liest es allenfalls langsam vor, oder auf ein Bild, um den dargestellten Gegenstand mit einem Worte nothdürftig zu bezeichnen.Jeder selbstständige Gedanke ist geschwunden, die geistige Kraft gelähmt.

So befindet er sich auf dem Standpunkte eines geistig schwachen Menschen, für den in jeder Weise gedacht, gesorgt,gehandelt werden muss.

Sein Leiden besteht abgesehen von der Bewegungsschwäche des rechten Armes, als einer unmittelbaren Folge deslokalen Muskelverlustes und der Narbenspannung in einer Erkrankung des Kückenmarks und Gehirns, welche,nach den Erscheinungen zu schliessen, von kleinen Herden aus im Rückenmark beginnend, sich allmäligebenso herdweise über die verschiedensten Partien der Central-Nervenorgane verbreitet hat.

Was die Frage anbetrifft, ob diese Erkrankung als eine selbstständige, von bestimmten Veranlassungen unabhängigeanzusehen oder ob sie in einen Kausalnexus mit der früher erlittenen Verwundung zu bringen ist, so entscheide ich mich fürletztere Annahme. Durch die ausgedehnte Schussverletzung wurden ausser der Zermalinung von Knochen- und Muskeltheilenauch eine Menge von Nerven gequetscht, zerrissen, erschüttert. Der lang andauernde Entzündungs- und Eiterungsprozess derWunde unterhielt eine beständige Reizung der verletzten Nerven. Mit der Zeit verbreitete sich diese bezw. die dadurch veran-lasste Ernährungsstörung auf das naheliegende grosse Arm-Nervengeflecht und bewirkte eine Erkrankung der Nervenelemente ineigener Form, fortschreitend auch im Rückenmark und weiter. Darauf deuten besonders die Schmerzen hin, welche lange Zeithindurch nach Rücken, Hals, Nacken ausstrahlen, während Pat. an für ursprüngliche Gehirnkrankheiten sonst charakteristischenKopfschmerzen nicht gelitten hat. Der fortgesetzte Gebrauch des leidenden Armes, welcher, als der rechte schon bei den gewöhn-lichen Lebensverrichtungen nach gewohnter Weise mehr bewegt und angestrengt, im Dienste aber noch über das in diesem Fallegebotene Maass von Schonung in Anspruch genommen wurde, begünstigte die Förderung der Nervenerkrankung."

Sanitäts-Bericht Über die Deutschen Heere 1870/71. VII. Bd. °5