Band VII.
VIII. Kapitel: Idiopathische Epilepsie.
311
konstante Strom erwies sich nutzlos. In dem Reservelazarethzu Oldenburg, wo der Patient am 24. Dezember 1870 anlangte,schien Besserung einzutreten. Deshalb stand auch einerBeurlaubung des Kranken nichts im Wege. Allein von diesemUrlaub kehrte S. mit einer fast vollkommenen Lähmung derUnterextremitäten ins Lazareth zurück. Wiederum schien eineWendung zum Guten bevorstehend. Der behandelnde Arzt waralsdann der Meinung, dass eine Kur im Seebade die Erfolgewesentlich unterstützen würde. Aber der vierwöchentlicheAufenthalt in Norderney verschlimmerte aufs Neue das Leiden.Die Schmerzen im Rücken und in den Beinen waren lästigerals früher, der Gang nur mühsam am Stock möglich, der Druckauf die Wirbelsäule äusserst empfindlich. Von nun ab schrittdie Krankheit langsam aber sicher fort. Im Juli 1872 mussteder Invalide bereits verstümmelt erklärt werden. Ein Jahrnachher fand sich folgender Status: „Beide Unterextremitätenbewegungsunfähig, das rechte Bein vom Fuss bis über das Knie,das linke von den Zehen bis über die Knöchel gefühllos. Auchder rechte Arm ist bis zur Unbrauchbarkeit gelähmt. Schmerzenim Rücken, den Armen, den Beinen. Zittern des ganzen Körpersbeim Versuche zu stehen. Alle 4 bis 6 Wochen epileptischeKrämpfe mit Bewusstlosigkeit und tagelang anhaltendenSchmerzen in dem Kopf und den Extremitäten.
IV. Friedrich Wilhelm G., geboren am 4. April1843 zu Gebhardshof, Kreis Jerichow, erkrankte als SergeantBrandenburgischen Pionier-Bataillons No. 3 am 15. August 1870in Folge davon, dass er nach einem sehr anstrengenden Marschebei dem Brückenschlagen über die Mosel bei Champey erhitztlängere Zeit bis an die Brust im Wasser stehen musste. Nachdem Dienstbeschädigungsatteste meldete er sich an diesem Tagerevierkrank, wurde aber erst in Folge der weiteren Anstrengungenbei der Cernirung von Metz so elend, dass er am 17. September1870 ins Lazareth geschafft werden musste. Vorher war der-selbe gesund gewesen.
Nach dem Invaliditätsatteste schickte man, als sich dieBeschwerden sehr steigerten, den Kranken am 17. September1870 mittels Wagen nach Noveant ins Lazareth. Er brachteaber seiner Aussage nach die Nacht zum 18. September ausMangel an Quartier im Freien zu und wurde an diesem Tagein die Heimath evakuirt. Am 22. September erreichte erRatibor, kam zunächst in Privatpfiege, dann am 30. Novemberins dortige Garnisonlazareth und wurde am 8. Dezember 1870gebessert nach Torgau zur Ersatz-Kompagnie geschickt. DieErkrankung soll mit Frost, sehr heftigem Fieber, unerträglichenSchmerzen in allen Extremitäten, Kopfschmerz begonnen haben,dem sich zeitweilige Inkontinenz des Urins und schwierigeseltene Defäkation zugesellten. Die Behandlung bestand inwarmen Bädern, Russischen Bädern, Darreichung von Jodkaliumund Einreibungen von Jodsalbe in die hauptsächlich schmerz-hafte rechte Hüfte. In Torgau erfolgte Revierbehandlung. Hierauf„wegen überaus heftigem Rheumatismus der rechten unterenGliedmaassen" Gebrauch von Warmbrunn ohne allen Erfolg;sodann sechswöchentliche Schwitzkur bei systematischen Gabenvon Decoct. Zittmanni. In der Folge entwickelten sich immerdeutlicher die Symptome einer Rückenmarkserkrankung.
Status am 12. Juli 1873:
Patient ist ein kräftig gebauter Mann von 88—95 cm Brust-umfang und l.io m Grösse. Die Ernährungsverhältnisse nichtungünstig, indessen erscheint die Hautfarbe, die früher sehrblühend war, bleich. In der Haltung fällt zunächst eine Schief-
stellung des Beckens, Neigung nach rechts, auf, mit leichtflektirtem rechtenHüft- und Kniegelenk. DerGang ist schwankendund ataktisch. Schliesst Patient die Augen, so ist er in Gefahrzu fallen, wenn man ihn nicht hält; auf einem Beine kann ergar nicht stehen. Druck auf die Dornfortsätze der Halswirbelist sehr schmerzhaft, demnächst auch auf die der Lendenwirbel,weniger auf die der Brustwirbel. Die Nervenaustrittsstellensind rechts der Wirbelsäule überall, links nur im Lumbaltheilschmerzhaft. Im rechten Arm, mehr noch im rechten Schenkel,hat Patient ein Gefühl von bleierner Schwere und Taubheit, dieBewegungen beider Extremitäten sind unbehilflich und nichtimmer völlig dem Willensimpuls unterworfen, die Sensibilitätist so sehr herabgesetzt, dass Patient selbst tiefere Nadelstichegar nicht oder doch nur als Berührungen empfindet. DieseAnästhesie bezw. Analgesie reicht bis in die Inguinalgegend unddie Mammillarlinie rechterseits, doch ist sie in den Extremitätenviel deutlicher als am Rumpf. Auch das Temperaturgefühl istan den bezeichneten Stellen analog herabgesetzt. Deutlich zuerkennen ist ferner ein Schwund der Muskulatur auf der rechtenKörperhälfte im Vergleich zur linken, — so ist der rechte Ober-arm um 2 cm schwächer als der linke —, während das Unter-hautfettgewebe beiderseits noch gut entwickelt ist. Seit einigerZeit treten in der linken Körperhälfte heftige ziehende Schmerzen,verbunden mit Gefühl von Ameisenkriechen und Pelzigkeit derHaut auf, auch ist das linke Hüftgelenk spontan und auf Drucksehr empfindlich. Patient giebt an, schon lange an Flimmernvor den Augen und an Lichtscheu zu leiden, das Gehör ist be-sonders rechts bedeutend beeinträchtigt, die Zunge zittert beimHerausstrecken, die Sprache ist langsam, stotternd, bisweileneinzelner Worte ermangelnd, die Stimme heiser. Der Appetitist leidlich, doch vergisst Patient ab und zu die Mahlzeitenvöllig oder ist nicht zu bewegen, etwas zu geniessen. DerStuhlgang erscheint noch, wie beim Beginn der Krankheit, an-gehalten und bedarf meist der Nachhilfe, die Urinentleerungnormal, die Potenz aber nach Aussage der Frau sehr bedeutendgeschwunden. Von Zeit zu Zeit, und zwar in immer kürzerenZwischenräumen, treten sehr heftige epileptische Anfälleauf, die zuweilen mehrere Stunden andauern und häufiger vonpsychischen Störungen gefolgt sind. Diese äussern sich als Ver-folgungswahn, z. B. Furcht vor Vergiftungen. Bisweilen sind dieAnfälle mehr der Katalepsie als der Epilepsie ähnlich und dauernnoch länger an. Der Rückenschmerz ist zur Zeit sehr häufig undsehr hochgradig, verbunden mit Neuralgien im Bereiche deslinken Ischiadicus. Patient leidet oft an Hyperämien derGesichtshaut, begleitet von Zuckungen der Gesichtsmuskeln,doch gehen diese Symptome immer schnell vorüber.
Am 9. November 1874 fand sich der Zustand unverändert.
Superrevision 1875: Es ist eine wunderbare Besserungeingetreten. Der Kranke geht jetzt als ein wohlgenährter,muskelkräftiger Mann einher und schont nur das linke, im Knienicht vollständig zu streckende Bein.
Superrevision 1876: Aussehen und Muskulatur des Manneswie im Vorjahre, der Gang, zwar ohne Stock, ist bei geschlossenenAugen sehr schwankend, die rheumatoiden Schmerzen sitzenjetzt im rechten Knie, das beim Gehen leicht gebogen undnachgezogen wird.
29. Juni 1881: Keine Lähmung. Sensibilität überall er-halten. G. kann ohne Stock mit geschlossenen Augen, ohne zuschwanken, gehen, letzteres trat nur beim Umdrehen ein;Patellarreflex links erhalten, rechts in geringem Grade ver-mindert.