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VT. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.
Band VII.
An den atrophischen Muskeln ist die galvanische Reaktionder Abmagerung proportional herabgesetzt, aber keine Ent-artungsreaktion.
Bei der Prüfung der mechanischen Erregbarkeit ruftein kurzer Schlag auf die Deltamuskeln eine sehr träge ablaufende,die Reizung überdauernde Muskelbündel-Kontraktion hervor.
Muskelveränderungen an den Unterextremitäten sind nichtzu konstatiren. Patellarsehnen-Reflexe von gewöhnlicherStärke.
Nirgends — weder an den hypertrophischen noch an denatrophischen, noch an den normal entwickelten Muskeln —lassen sich fibrilläre Zuckungen wahrnehmen.
Das Gesicht zeigt eine gleichmässige Konfiguration. Pu-pillen von gleicher und mittlerer Weite und guter Reaktion.
Im April 1881 wurde mit einer eigens zu diesem Zweckekonstruirten Harpune aus dem rechten und linken triceps,sowie aus dem hypertrophischen Wulste des linken serratusje ein Muskelstückchen entnommen, in einer Kochsalzlösungzerzupft und sofort der mikroskopischen Besichtigungunterzogen. Das Fleischtheilchen aus dem Serratus-Wulste zeigte breite und schmale Fibrillen, letztere im Ueber-maass, beide durch reichliches Fettgewebe von einander getrennt.Die Querstreifung war zürn Theil erhalten, zum Theil durcheinen feinkörnigen Inhalt verloren gegangen. Fast überallmachte sich eine Verengerung der Zwischenräume der sicht-baren Querstreifen bemerklich. In einigen Fibrillen fand sichvon der Querstreifung nichts, hier und da sah man in ihneneine Andeutung der Längsstreifung und eine Anhäufung vonFetttröpfchen. Ganz vereinzelt begegnete man schmalen Muskel-fasern mit tiefen Einschnürungen und Resten der Längsstreifungnur dicht am Sarkolemmaschlauche. Eine Kernvermehrungwar nicht zu konstatiren. Die Durcheinanderlagerung sehrschmaler und sehr breiter Fasern mit einem meist körnigenInhalte, welcher an ein paar Stellen aus dem Muskelschlauchehervorquoll, gab sich auch in dem Tricepsstückchen derrechten Seite zu erkennen. Daneben stiess man hier aber aufunzweifelhaft echt hypertrophische Fibrillen ohne Struktur-veränderung und mit Verbreiterung der Interstitien der Quer-streifung. Die interstitielle Fettwucherung war vergleichsweiseeben so massenhaft, als in dem zuerst untersuchten Muskel. Amwenigsten verändert erwies sich der linke Triceps. Statt desFettes hatte hier ein lockiges Bindegewebe die Muskelfasernauseinandergedrängt. Die Primitivfasern waren schmaler alsrechts, von deutlicher Querstreifung und nur an einzelnen Stellenmit einem feinkörnigen Inhalte wie bestäubt. Auf Essigsäure-zusatz Hessen sich zahlreichere Kerne als rechts sehen. Dienach Skizzen angefertigten, etwas schematisch gehaltenenZeichnungen 1 — 5 auf Tafel III dieses Bandes veranschaulichendiese Befunde.
B. fand später Aufnahme in dem Königlichen Invaliden-hause zu Berlin. Im Anfang April 1883 klagte er über starkeSchmerzen in dem rechten Vorderarm und der Hand, sowieüber häufiges Abgestorbensein in den Fingern, konnte die Handwegen Zunahme der Schmerzempfindung nicht hängen lassen,sondern musste sie, gegen die Brust gelegt, tragen. In derarteria radialis dextra war der Puls verschwunden,das Arterienrohr aber deutlich als ein derber, solider Strang zufühlen; die brachialis dextra pulsirte, die Welle in ihrwar niedrig und kontrastirte durch ihre geringe Höheauffällig mit der der linken Seite. Die inspiratorischeAbnahme der Wellenhöhe bestand unverändert fort.Bis zu der letzten Untersuchung im Juli 1883 blieben dieseVerhältnisse in den Armgefässen konstant. Eine um diese Zeitvorgenommene Messung des Umfanges beider Oberextremitätenergab folgende Maasse:
Rechts:31.0 cm
Links:30.0 cm,
1) An der Achselfalte .
2) an der dicksten Stelle
des Humerus . . . 27.5 „ 24.5 „
3) dicht über dem Olecranon 23.o „ 21.o „
4) 5 cm unter dem Ole-
cranon .....25.0 „ 24.0 „
5) über dem Handgelenk 17.5 „ 17.5 „
6) Hand vor der Schwimm-
haut des Daumens . 22.5 „ 22.2 „
Es war also ausserdem in den letzten zwei Jahren einerapide Abnahme indemUmfange der Oberextremitätenbeiderseits eingetreten, und diese kam ausschliesslich aufRechnung der Muskeln.
Der Kranke versah an einzelnen Wochentagen zu be-stimmten Stunden den Dienst als Wächter der Siegessäule,war angeblich dabei häufiger Wind und Wetter ausgesetzt,ergab sich dazu dem Alkoholgenuss und fing an, im Herbst1883 über Husten, Kurzathmigkeit, schlechten Appetit,periodisches Erbrechen zu klagen. Um Weihnachten stelltesich Heiserkeit ein. Nach einer längeren Behandlung imRevier wurde er am 30. April 1884 in das Lazareth auf-genommen. Man konstatirte hier eine bereits sehr vorge-schrittene Tuberkulose der Lungen und des Kehlkopfs.Die allgemeine Abmagerung war weit gediehen. Der Um-fang des rechten Oberarms betrug jetzt 21 cm, des linken19 cm, des rechten und linken Vorderarms 21 cm. Heftigeund immer wiederkehrende Diarrhöen verschlechterten denZustand rapide. Am 7. Juli 1884 trat der Tod ein.
Die von dem 1. Assistenten am pathologischen In-stitut zu Berlin, Dr. Jürgens, 24 Stunden p. m. vorge-nommene Leichenschau ergab Folgendes:
Kräftig gebaute Leiche von ziemlich grosser Statur, starkabgemagert mit leichtem Oedem der rechten Unterextremität.
links 17, rechts 18 cm
., 17, „ 18 „h 20, ,, 2J „„ 24, „ 26 „
Grösster Umfang des Oberarms . . .Grösster Umfang des Vorderarms . .Umfang der Mitte des OberschenkelsGrösster Umfang des Unterschenkels
Mittelgrosser, etwas schwerer Schädel von gewöhnlicherDicke; Nähte erhalten, innere und äussere Oberfläche glatt.
Dura mater leicht gespannt, ziemlich blutreich; gyri gutgewölbt; sulci mitteltief. Pia mater der Konvexität ödematös,die Venen stark gefüllt.
Gehirn klein; die grossen Arterien der Basis leicht gefüllt.Arteria vertebr. sinistr. etwas enger als dextr.; die übrigenArterien normal.
Hirnnerven intakt.
Pia der Basis transparent und zart; Seitenventrikel vonmittlerer Weite, ebenso der 3. und 4. Ventrikel; die striaeacusticae der linken Seite viel stärker entwickelt als rechts.
Herderkrankungen im Gehirn nicht nachzuweisen; Substanzvon mittlerem Blutgehalt, normaler Konsistenz und Färbung.
Rückenmark und seine Häute ohne makroskopische Ver-änderung.
Bei Untersuchung der Körpermuskulatur ergiebt sich, dassder pectoralis maj. dext. fast gänzlich degenerirt ist; derselbe istnahezu in seiner ganzen Ausbreitung geschwunden und schein-