Druckschrift 
Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
Seite
217
Einzelbild herunterladen
 

Band VU.

I. Abschnitt: Nervöse Nachkraiikheiten des Abdominaltypíius.

217

der art. brachialis und ibren Aesten. Unter beiden Umständennähert sieb nämlich die erste Rippe dem Schlüsselbein; derAbstand dieser knöchernen Theile ist aber bei B. zufolge derSenkung des Schultergürtels ein so unbedeutender, dass schoneine minimale Verengerung desselben zur Kompression der inihm verlaufenden art. subclavia ausreicht. Der ganze rechteArm fühlt sich kühler an, als der linke, die rechte Hand schwitztungewöhnlich stark.

Mitten unter den hypertrophischen Muskeln fällt die Ab-magerung des supinator longus auf.

Am linken Arm sind anscheinend der Delta- und der drei-köpfige Muskel übermässig umfangreich. Der supinator longusfehlt hier ganz. Die extensores carpi radiales sind ge-schwunden, ebenso in geringerem Grade der abductorpollicis longus. An den kleinen Handmuskeln lässtsich aber keine Spur von Atrophie entdecken.

Die Funktionsstörungen fallen hauptsächlich der Atrophieder Muskeln zur Last. Am schwersten benachtheiligt wird B.durch den Ausfall des rechten grossen Sägemuskels. Da dieserMuskel weder in dem hypertrophischen Deltamuskel und nochweniger in dem atrophischen cucullaris eine kompensatorischeAushilfe findet, so ist die Fortführung des Armes aus der Hori-zontalen in die Senkrechte ausgeschlossen. Die Serratuslähmungist auch die Schuld, dass die willkürliche Armerhebung nichteinmal bis zur Horizontalen reicht, denn die Abduktorendeltoideus, supraspinatus, infraspinatus und teres minor ver-mögen den Arm zwar in einen rechten Winkel zur Längsachseder Scapula zu stellen, aber nicht zur Längsachse des Körpers.Dazu ist es nöthig, dass beide Achsen parallel laufen, und dies istwieder nur durch dieFixirung des Schulterblatts an der Thorax-wand möglich. Sobald man den Effekt des paralytischenSerratus , nämlich die Aufwärtsdrehung der Gelenkpfanne desSchulterblatts , dadurch ersetzt, dass man durch Druck mit derHand das Schulterblatt fest an die Rippen, möglichst viel derSeitenwand zu, presst, so folgt augenblicklich der Arm derintendirten Bewegung nach oben, um alsbald mit dem Aufhörendes Drucks und dem Zurückschnellen der Scapula kraftlos herab-zusinken. Auf Rechnung der Atrophie kommen nebenbei nochdas Unvermögen bezw. die Beeinträchtigung der Bewegung derrechten Schulterecke nach aufwärts und vorn, der Führung derrechten Hand an den Kopf und die gegenüberliegende Schulter,der Annäherung der Schulterblätter an einander u. s. w., Be-nachtheiligungen, welche im vorliegenden Falle mehr unter-geordneter Natur sind.

Das Urtheil über die Leistungsfähigkeit der hyper-trophischen Muskeln wird, wie schon Hitzig richtig hervor-hob, dadurch stark getrübt, dass wegen des Ausfalls des serratusund pectoralis energische Bewegungen mit dem Arme im Ganzennicht auszuführen sind. Sicher ist aber, dass der Druck mitder rechten Hand weniger kräftig empfunden wird als mit derlinken, und dass der Widerstand, den die gespannten Beuge-muskeln des Vorderarms der passiven Streckung entgegensetzen,ein geringerer ist, als auf der linken Seite. Hiermit im Ein-klang sind die Angaben des Dynamometers.

Die Sensibilität in dem hypertrophischen Gliede ist nichtintakt. In unregelmässigen Zwischenräumen, besonders häufigbei Witterungswechsel und an nassen kalten Tagen, trittparoxysmenweise ein lebhaftes Schmerzgefühl auf, welches vomrechten plexus brachialis gegen die Fingerspitzen der Handausstrahlt. In der schmerzfreien Periode klagt der Kranke überTaubsein, Kribbeln und Formikation in den Fingern. DerGebrauch des Armes und ein massiger Druck auf seine Muskeln,auf den plexus, das Schulterblatt, ruft gleichfalls Schmerz her-

Smittts-BericM über die Deutschen Heere 1870/71. VII. Bd.

vor. Eine gröbere Untersuchung des Tast-, Druck-, Orts- undTemperatursinnes ergiebt sonst nur negative Resultate.

Seltsamerweise findet sich beim Erheben des linken Armesin dem funktionsfähigen Sägemuskel dieser Seite noch einepartielle Hypertrophie, scheinbar der 5. und 6. Muskelzacke,welche von der Gegend der stärksten Krümmung der ent-sprechenden Rippen wurstföimig in der Stärke einer Knaben-faust gegen den unteren Scapularwinkel zieht, sich bei Be-wegungen des Schulterblattes verschiebt und hart anzufühlenist, gleichsam als suche die Natur hier wieder gut zu machen,was sie an der anderen Seite gesündigt hat. (Vergl. Figur 3auf Tafel II dieses Bandes.)

Die elektrische Untersuchung ist von Dr. E. Remak,welcher sich derselben mit dankenswerther Bereitwilligkeitunterzog, vorgenommen und hat der Hauptsache nach zu fol-genden Ergebnissen geführt :

I. Faradische Nervenerregbarkeit.

R. n. facialis 48 mm Rollenabstand.

R. n. accessorius (Cucullarisast) 45 mm.

R. n. accessorius (Sternocleidomastoid. -Ast) 55 mm.

L. n. accessorius (Cucullarisast) bei besserer Leitung 54 mm.

R. n. ulnaris Oberarm 34 mm.

R. n. ulnaris über dem Handgelenk 31 mm.

L. n. ulnaris Oberarm 62 mm.

L. n. ulnaris über dem Handgelenk 31 mm.

R. n. medianus 37 mm.

II. Faradische Erregbarkeit der atrophischenMuskeln.

R. cucullaris nur im oberen Abschnitt bis zum 2. Brustwirbel

erregbar.R. pectoralis major nur im unteren Abschnitt.R. serratus anticus major unerregbar.R. supinator longus Minimalkontraktion bei 25 mm, bei starken

Strömen schwache, absatzweise Kontraktion.L. supinator longus unerregbar.R. extensores carpi radial. 19 mm.L. extensores carpi radial, unerregbar.R. abductor pollicis longus 16 mm.L. abductor pollicis longus 7 mm.L. extensor carpi ulnaris 12 mm.

III. Faradische Erregbarkeit der hypertrophischenMuskeln.R. deltoideus 20 mm.L. deltoideus 11 mm.R. biceps 15 mm.L. biceps 12 mm.R. triceps 12 mm.L. triceps 26 mm.

IV. Galvanische Muskelerregbarkeit.Die quantitativen Bestimmungen sind nach Galvanometer-graden gemacht bei 100 S.E. In den hypertrophischenMuskeln nirgends deutliche Entartungsreaktion, in-dem alle Zuckungen blitzschnell erfolgen.R. deltoideus K.S.Z. = 5°, sehr bald auch A. S.Z. A.S.Z.

< K. S. Z.

L. deltoideus K.S.Z. = 15°, sehr bald auch A.S.Z. A.S.Z.

< K. S. Z.

R. biceps K.S.Z. = I o . A.S.Z. = 9°.

L. biceps K.S.Z. = 2.5°. A.S.Z. = 15°.

R. triceps K. S.Z. = 2.5°. A.S.Z. = 4°.

L. triceps K.S.Z. = 2°. A.S.Z. = 16°.

28