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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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Band VII.

1. Abschnitt: Nervöse Nachkrankheiten des Abdominaltyphus.

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seiner Felddienstfähigkeit. Schon Mitte diesesMonats erkrankte erlaut Ausweis des Kompagnie-Krankenbuches angastrischemFieber" und musste deswegen in das 1. Feldlazareth VI. Armee-korps nach St. Cyr geschafft werden. Dort verblieb er aneiner Krankheit, welche alsfieberhafte r Darmkatarrh "bezeichnet wird, 35 Tage, d. h. bis zum 20. November 1870.Dann wurde er evakuirt und langte nach einer zehntägigenFahrt im Reservelazareth zu Hannover an. Hier steht er imHaupt-Kraukenbuche und im Journalblatt mit Darmkatarrhbezw. Feh ris gástrica" eingetragen. Das Journalblatt er-wähnt aber dabei in der Kraukengeschichte, dass der rechteArm desEvakuirten bei derAnkunft in Hannover durch-aus kraftlos, der Körper nach der rechten Seite ge-bogen, die Schulter in die Höhe gezogen und das rechteSchulterblatt bei Berührung schmerzhaft gewesen sei. B. ver-änderte sich nach einer Notiz des Journalblattes vom 10. Januar1871 zu seinen Gunsten etwas, so dass er auf seine dringendeBitte etwa 4 Wochen später zu der 8. Kompagnie seines Regi-ments nach Mainz geschickt werden konnte ob als geheiltoder ungeheilt, ist nicht zu ersehen. Bei dieser sowohl alsbei der 11. Kompagnie, welcher er vor seiner am 4. April des-selben Jahres erfolgten Entlassung zugetheilt war, wurde er inSchonung geführt.

Dies die Thatsachen, wie sie sich durch die dienstlichen,grösstentheils unter Vermittlung der Militär-Medizinal-Abtheilungdes Preussischen Kriegsministeriums gesammelten Erhebungenals feststehend ergaben. So wichtig dieselben zur Beurtheilungder Genesis der Krankheit für den untersuchenden Militärarztwaren , so wenig Werth legte B. selbst darauf. Er blieb steifund fest bei seiner schon 1871 im Oktober an derselben Stellevorgebrachten Behauptung, dass die Gebrauchsunfähigkeit seinesrechten Armes, als deren Ursache eine vollkommene Lähmungdes rechten grossen Sägemuskels erkannt war, durch eineäussere Dienstbeschädigung entstanden sei, indem ihm am10. Oktober 1870 zu Nanteuil beim Verladen vou Be-lagerungsgegenständen herabfallendes Hebezeug dierechte Schulter gequetscht habe. Unglücklicherweisewidersprachen aber alle militärischen Recherchen diesen seinenAngaben ganz und gar. Dazu kam, dass B. auch in den Tagennachher eine Meldung von der vorgeblich erlittenen Beschädi-gung nicht gemacht hatte und später Zeugen für den von ihmbehaupteten Thatbestand nicht beizubringen vermochte. Nichtswar natürlicher, als dass die militärischen Behörden die Wahr-heit seiner Auslassungen beanstandeten, und dass er 1871 mitseinen Invalidenansprüchen abgewiesen wurde. Auf die Vor-gänge von St. Cyr und Hannover zurückzugreifen, fand mansich um so weniger veranlasst, als dieselben bei den Verhand-lungen offenbar für nebensächliche angesehen und kaum be-rührt wurden , eine Unterlassung, welche in erster Hand demB. selbst zur Last fiel, da er mit Beharrlichkeit nur einen imDienste erlittenen Schlag auf die Schulter für seinen Zustandanschuldigte. Diese Konsequenz und der Umstand, dass erfestgestelltermaassen dieselben Entstehungsgründe seines Arm-leidens schon im Lazareth zu Hannover vorgebracht hatte undauch nach der Invalidisirung unverändert bei ihnen stehenblieb, Hess angesichts der sonst offenen und wahrheitstreuenErzählung seiner Leidensgeschichte vermuthen, dass der ein-gewurzelten Idee von der Schulterverletzung natürlich dannausserdienstlichen etwas Thatsächliches zu Grunde lag. Vonden Folgen der Schulterquetschung erinnerte er sich nur einerlebhaften Schmerzhaftigkeit. Wenige Tage später befiel ihndie angedeutete fieberhafte Erkrankung, welche B. fürRuhr"hielt. Er erzählt, dass er in St. Cyr an heftigen, zeitweiseblutigen Diarrhöen gelitten, stark (über 40°) gefiebert, baldsomnolent und bewusstlos dagelegen, bald irregesprochen habe,

und dass er als ein seltenes Beispiel glücklicher Genesung dendas Lazareth besuchenden Aerzten vorgestellt sei. Wahrschein-licher erscheint es indess, dass seine Krankheit ein Ab dorn i nal -typhus war. Zu dieser Annahme nöthigt einmal die vonseinem Regimenté erbetene und erhaltene Auskunft, dass imOktober 1870 bei der Kompagnie, bei welcher B. stand, Ruhr-erkrankungen überhaupt nicht vorgekommen sind, dann derUmstand, dass der Patient von Tenesmus und Stuhlschmerzen,d. h. denjenigen Symptomen, welche einem Dysenteriker wohlam ehesten in der Erinnerung bleiben, an sich selbst nichtserfahren haben will, ferner die Thatsache, dass vor Paris injener Kriegsperiode gerade der Typhus das grösste Kranken-kontingent stellte, und endlich, im Verein mit allen diesenPunkten, der von ihm beschriebene Symptomenkomplex selbst.Gleichgültig übrigens, ob Ruhr, ob Typhus, während der Re-konvaleszenz von einer fieberhaft en Darm krankheitentdeckte 15. schon Ende November 1870 zuerst einelähmungsartige Schwäche, etwas später auch eine Umfangs-zunahme des rechten Armes.

Unter Zugrundelegung der dienstlich festgestellten That-sachen, namentlich der im Dezember 1870 zu Hannover undim Oktober 1871 zu Berlin erhobenen militärärztlichen Be-funde, konnte 8 Jahre später mit Bestimmtheit ausgesprochenwerden, dass das jetzige Leiden des Mannes im Feldzuge1870/71 entweder durch äussere Beschädigung oder durcheine fieberhafte Darmerkrankung, oder unter der Mitwirkungbeider Schädlichkeiten entstanden sei, und dass sich in Hinblickauf den Dienst als Artillerist die Annahme verbiete, dass B.schon auf dem Marsche nach Paris an einer Serratuslähmunggelitten habe. Diese Erklärung hatte für B. das Gute, dass erunter Absehung von der gesetzlichen Präklusivfrist in den recht-lichen Genuss sämmtlicher ihm zustehenden Invalidenwohlthateneingesetzt wurde.

Der Kranke wurde vom Verfasser am 21. März 1881 dermilitärärztlichen Gesellschaft zu Berlin, ebensowohl seinesspezifisch militärärztlichen, als seines rein ärztlichen Interesseswegen, etwa unter folgender Erläuterung vorgestellt :

Das erste, was bei der Betrachtung des entkleideten Ober-körpers des Mannes auffällt, ist die hochgradige Abmagerungund Abflachung der Brust. Sie rührt augenscheinlich von demSchwunde der vorderen Brustmuskeln her. Spärliche Resteder unteren Partie des m. pectoralis major fühlt man beiderseits,wenn man die vordere Achselfalte zwischen die Finger nimmt,aber die Hauptmuskelmasse über den Rippen ist rechts grossen-,links grösstentheils verloren gegangen. Besser, wenn auchnicht vollkommeu erhalten, erscheint die Portio clavicularis desMuskels, welche namentlich links bei Erhebung und Abduktiondes Armes scharf hervortritt. Von der Existenz des m. pecto-ralis minor kann man sich nicht überzeugen. Der m. sub-clavius entzieht sich unter dem Klavikularabschnitt des grossenBrustmuskels der direkten Beobachtung. Zur Seite des Brust-beines treten die Rippen und die vertieften oberen Zwischen-rippenräume frei zu Tage. Schon bei ruhig herabhängendem,noch mehr aber bei seitlich erhobenem Arme machen sich dieZacken des grossen Sägemuskels, welche sich links schwachaber deutlich markiren, rechts kaum andeutungsweise bemerk-lich. Die Ober-Schlüsselbeingruben sind tief eingesunken, dierechte Schulterecke steht bei aufrechter gerader Körperhaltungetwas tiefer als die linke und hat eine mehr abgerundete Form.

Beim Blick auf den Rücken des mit unbewegten Armendastehenden Kranken lenkt sich das Augenmerk zunächst aufdie eigenthümliche Lageveränderung der Schulterblätter. Dasrechte liegt erstens höher, zweitens der Wirbelsäulenäher und drittens weiter von der knöchernen Thorax-wand entfernt, als das der linken Seite. Die Richtung