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VI. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.
Band Vll.
In der Besserung traten heftige reissende Schmerzenin beiden, besonders dem linken Fusse ein, zugleich mit starkerAnschwellung. Letztere war erst nach vielen Wochen ge-schwunden. Es restirte eine Schwäche besonders des linkenFusses, bestehend in behinderter Dorsal- und Plantarflexion imFussgelenk, mit aufgehobener Zehenbewegung. Am rechtenFuss die Störungen geringer. Zehenbeugung fast normal.Sensibilität besonders links an der vorderen, äusseren Seite desUnterschenkels und am Fussrücken vermindert, ebenso dieelektromuskuläre Kontrakt]lität des tibial, ant., des extens. digit.com. und extens. hallucis.
XXI. Heinrich Gebken, Kanonier im HannoverschenFeld-Artillerie-Regiment No. 10, wurde im Lager von Amelangevor Metz vom Typhus befallen. Das Journalblatt aus demFeldlazarethe bezeichnet die Krankheit als eine schwere.Behandlung: Kälte und Chinin. Patient kam am 22. November1870 mit einem Oedem an beiden Füssen im ReservelazarethNo. 4 zu Hannover an. Hier bildete sich eine vollkommeneAnästhesie beider Fussrücken und eine Lähmung beider musc,extens. digitor. ped. aus. Durch diese Lähmung wurde derGang sehr mühsam und schleppend. Sandbäder und Elek-trizität wurden bis Ende März 1871 erfolglos gebraucht.
Im September 1871 derselbe Befund.
1873 restitutio in integrum.
Lähmung einer Extremität.
Die Lähmungen eines ganzen Gliedes nach Typhus sindunter den Feldzugsinvaliden ziemlich zahlreich vertreten.Von ihnen hatte schon Seitz 1864 in der Deutschen Klinikein Beispiel erzählt. Er sah nach einem sehr schwerenTyphus eine Paralyse und Atrophie des linken Armes.Auch M. Meyer hat eine hierher gehörige Beobachtunggemacht. Sein Kranker — s. die Elektrizität in ihrer An-wendung auf praktische Medizin, S. 302 — bekam im Ge-nesungsstadium neben einer sensiblen Lähmung der ganzenrechten Körperhälfte eine motorische Lähmung der rechtenOberextremität mit vorwiegender Betheiligung des Ulnaris-gebietes. Meyer deutete die Erkrankung als eine atro-phische Spinallähmung.
Die acht nächsten Fälle der Kriegskasuistik referirenüber posttyphöse Lähmungen einer Oberextremität. Sechs-mal war die Lähmung linksseitig, zweimal rechtsseitig.Immer debütirte die Erkrankung mit Motilitätsstörungenund gleichzeitiger Mitbetheiligung der Sensibilität. Erstspäter gesellten sich Atrophien hinzu. Ueber den Ver-lauf der Lähmung machen sechs Krankengeschichten einebestimmte Angabe. Danach fand einmal Heilung und drei-mal Besserung statt. Ein einjähriger Fortbestand wurdebei Bahr (XXVII) notirt, ein zweijähriger bei Dubrow(XXVIII), darüber hinaus fehlen Nachrichten. Sehr be-merkenswerth für die die Invalidität begutachtenden Militär-ärzte erscheint, dass der Zustand Gurgel' s (XXIX) nachunveränderter zweieinhalbjähriger Dauer dennoch spätereine wesentliche Besserung erfuhr.
Aus den Monatsrapporten der Feldlazarethe Bchliesetsich diesen Fällen eine Beobachtung des OberstabsarztesCruse an, welche eine unter Schmerzen entstandene voll-
kommene sensible und motorische Lähmung desArmes nach Typhus betrifft. Der Kranke hiess Paths,Sodann findet sich noch in einer Zählkarte aus demKrankendepot II, Berlin, die Angabe, dass der Gefreite in3. Garde-Grenadier-Regiment Friedrich Latzkat an einer„Typhuslähmung des rechten Armes" mehrere Wochen lau»elektrisch behandelt, aber ungenesen als „dauernd Ganz-invalide etc." entlassen wurde.
Wie geneigt man auch sein mag, der akuten atro-phischen Spinallähmung an den posttyphösen Luh-mungen eine grössere Bedeutung zuzugestehen, so gewährendie mangelhaften Beschreibungen der Krankheitsfälle awdem Kriege doch keine hinreichende Unterlage, um auchnur einen kleineren Theil derselben mit dem erforderlichenGrade von Sicherheit auf eine akute Myelitis der vorderengrauen Substanz zurückzuführen. Schon im Anfang der 60erJahre hatte M. Meyer die Aufmerksamkeit darauf gelenkt,dass eine der spinalen Kinderlähmung analoge Erkrankungauch bei Erwachsenen gesehen werde. Diese Thatsaclewurde zwar auch von Duchenne durch eine Reihe vonFällen belegt, fand jedoch erst im letzten Jahrzehnt durchdie Untersuchungen von Charcot, Erb, Bernhardt.Frey u. A. eine grössere Würdigung. Dass es sich dabeiin der That um einen der entsprechenden Krankheit de?Kindesalters gleichen anatomischen Prozess handelte, wurdeaber erst 1878 durch einen von F. Schultze veröffent-lichten Sektionsbericht sichergestellt. Es kann darum nichtWunder nehmen, wenn selbst Nothnagel in seiner oftgenannten Abhandlung aus dem Jahre 1872 in der Patho-genese der Typhuslähmungen die Poliomyelitis anterior acutaganz ausser Acht liess, obwohl Fälle bekannt waren, ilwelchen bei Kindern während *des Bestehens oder nach demAblaufe des Typhus ihr Symptomenkomplex sich entwickelthatte, und obwohl von M. Meyer bereits die Geschichtejener Zwillingsbrüder mitgetheilt war, welche im 18. Lebe»jähre nach überstandenen Masern an einer atrophischenLähmung beider Unterextremitäten bei vollkommen erhal-tener Sensibilität erkrankten. Auch diejenigen Formender Spinalparalysen, welche durch ihren Beginn und dure!die klinischen Krankheitssymptome des Initialstadh«durchaus mit den akuten Spinallähmungen übereinstimmenihrer schnellen und vollkommenen Heilbarkeit wegen abetden Namen der „temporären Lähmungen" tragen, kommen Inach fieberhaften Krankheiten vor. Die bereits ange-lgebenen Gründe waren bestimmend, sie gleichfalls hier i» |berücksichtigt zu lassen.
XXII. Josef Loscha, 21 Jahre, geboren in Deutsch-Tzer- 1uitz, Kreis Gleiwitz, Kanonier im Schlesischen Feld-Artillerie-1Regiment No. 6, erkrankte zu Schweidnitz am 13. Januar 1871an Typhus, aufgenommen am G.Juli ins Lazareth zu Breslau I
In der dritten Krankheitswoche traten Nachts steobena' |Schmerzen in der ganzen linken oberen Extremität ein idem Gefühl des Zusammenziehens in der Muskulatur. DerAiblieb total bewegungslos und unempfindlich,lange y ist unbekannt. Allmälige Besserung: