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VI. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.
Band VII.
Weise von statten. Auch bei angestrengtem Laufen, Treppen-steigen etc. verspürt der Patient keine Athmungsbeschwerden.Anästhesie ist nirgends vorhanden, der Druck auf denplexus brachialis nicht schmerzhaft. Der m. serrât, ant. maj.erscheint nur wenig atrophisch, indem bei der vollständigenpassiven Erhebung seine unteren Zacken sich ein weniges un-deutlicher markiren, als linkerseits. Die Farado- und Galvano-kontraktilität des Muskels, die faradische und galvanische Er-regbarkeit des n. thorac. long, sind in massigem Grade herab-gesetzt. Die elektrische Untersuchung sämmtlicher übrigenSchulter- und Armmuskeln ergab ein vollständig normalesVerhalten derselben, in spec, war die Reaktion der unterenPortion des rechten cucullaris durchaus gleich der der ge-sunden Seite. Die Schmerzen waren vollständig verschwunden.Der Patient wurde von mir einer elektrischen Behandlungunterworfen, nachdem er vorher verschiedene Einreibungenvergeblich angewandt hatte — indem der m. serrât, lokalfaradisirt wurde, ein Pol in der fossa subscapularis, der an-dere vorn auf den Rippen, und ausserdem vom n. thorac. long,in der fossa supraclavicul. nach dem Muskel ein galvanischerStrom in täglichen Sitzungen, geleitet wurde. Nach kurzer Be-handlung zeigte sich eine merkliche Besserung, indem sichsowohl die objektiven Symptome stetig besserten, als auch dieMotilität, d. h. Erhebungsfähigkeit des Armes an Kraft undUmfang zunahm. Nach etwa 2 '/amonatlicher Behandlung konnteder Kranke den Arm bis zu einem Winkel von etwa 120° mitLeichtigkeit erheben, die Erhebung bis zur Horizontalen warvon gleicher Energie wie linkerseits, die elektrische Reizbarkeitvon Nerv und Muskel fast gleich der der gesunden Seite, dieDeviation der Skapula immer noch sehr deutlich, doch wesent-lich geringer. Später übernahm Herr Dr. Nothnagel die(elektrische) Behandlung des Kranken und berichtet von der-selben, dass die Beweglichkeit eine noch bessere wurde; einevollständige Wiederherstellung konnte nicht erzielt werden, be-sonders blieb die Deviation der Skapula noch in einem gewissenGrade bestehen.
XVI. Gottlieb August Garten, 4. Sächsisches In-fanterie-Regiment No. 103, lag in Frankreich vom 1. Sep-tember 1870 ab sechs Wochen schwer an Typhus krank.Anfang Februar 1871 wurde er nach Leipzig übergeführt.Der hier aufgenommene Befund lautet: „Rechte obere Extre-mität etwas schwächer als die linke, namentlich der musc,deltoideus gering atrophisch. Schon bei ruhig am Körperhängendem Arme ist das rechte Schulterblatt etwas flügeiförmigvon den Rippen abgehoben. Noch mehr tritt dieser Stellungs-wechsel hervor, wenn Patient versucht, den Arm zu heben.Dann entfernt sich die Basis des Schulterblattes so stark vonder Unterlage, dass man die Hand zwischen Brust und vordereSkapularfläche schieben kann. Am meisten hebt sich die untereEcke ab, das ganze Schulterblatt ist dabei, entgegen der Norm,nach innen gegen die Wirbelsäule gewendet. Aktiv ist dieHebung des Armes nicht ganz bis zur Horizontalen möglich."Serratus gering atrophisch.
G. wurde am 9. März 1871, nachdem er bis dahin elektrischbehandelt war, als revierkrank zur Truppe zurückgeschickt.Ueber den Ausgang des Leidens ist nichts bekannt.
Lähmung mehrerer Schultermuskeln.
Einen Fall von ausgebreiteter Lähmung der Schulter-muskeln mit Atrophie in der Rekonvaleszenz des Typhusfindet man bei Ley den; pectoralis, deltoideus, cucullaris,die rhomboidei waren ergriffen. Nach einer längeren Be-handlung mit dem konstanten Strom konnte der Kranke
fast geheilt entlassen werden. Aus der Leyden'schenKlinik veröffentlichte Fritz eine ähnliche Beobachtung.Hier waren serratus anticus major, supra- und infraspinatoigelähmt. Unter derselben Behandlung trat ebenfalls fastvollkommene Wiederherstellung ein. Die Seite der LähmuMwar beide Mal die rechte. Auch in den beiden nachstehend«Fällen breitete sich die Paralyse auf die Muskeln derrechten Schulter aus. Hervorzuheben ist, dass der Beginnder Lähmung bei Wortmann (XV11) in die Fieberperiodefiel. Der Krankheitsverlauf war ein äusserst günstiger,Zimmerling (XYII1) zeigte nach dein von Mettenheimeifür den Februar 1871 eingereichten Monatsrapport zunäctaleine Parese des serratus. Diese ging ungeachtet der häu-figen Applikation des konstanten Stromes in völlige Läh-mung über. Später wurden der cucullaris, der deltoides.die rhomboidei funktionsunfähig. Ein deutlicher Schwäche-zustand bildete sich auch in den Flexoren der Finger aus.denn es wird ausdrücklich gesagt, dass die Finger unver-mögend waren, einen Gegenstand festzuhalten. Sehr zubedauern ist, dass über den weiteren Verlauf der Läh-mung und Atrophie alle Angaben fehlen, da bei demsuccessiven Weiterschreiten der atrophischen Lähmung darGedanke an eine progressive Muskelatrophie ausser-ordentlich nahe liegt.
XVII. Christian Wortmann, Musketier der 2. Kom-pagnie Infanterie-Regiments Prinz Friedrich der Niederlande(2. Westfälisches) No. 15, erkrankte im September 1870 vorMetz an Typhus, an welchem er 9 Wochen lang behandeltwurde. Noch während der Krankheit selbst entwickeltesich eine Lähmung im rechten Arme. Es besteht im August1871 eine fast vollständige Lähmung des rechten Schulter-gelenks, die Muskeln um dasselbe sind stark abgemagert(deltoideus, supra- et infra-spinatus), die Bewegungen derselbenfast ganz aufgehoben, während Patient in den anderen Gelenkendes rechten Armes die Bewegungen ausführen kann. Die Em-pfindlichkeit und Temperatur am rechten Arm sind herabgesetzt,
Am 21. Juni 1873 lautet der Befund: „Die lähniungs-artigen Erscheinungen im rechten Arme, bei der Invalidisirunghauptsächlich markirt in den Muskeln des Schultergelenks,haben sich vollständig verloren. Der ganze Arm ist hessergenährt, wie der linke, also in vollkommen normalen Verhält-nissen. Durch die Untersuchung ist weiter konstatirt, dassder kräftige Mann vollständig arbeitsfähig ist.
XVIII. ErnstZimmerling, Musketier der 8. Kompagnie3. Brandenburgischen Infanterie-Regiments No. 20, wurde von28. September bis 20. Dezember 1870 im Lazarethe zu Coburgan Typhus behandelt. Die Krankheit war in Feindeslandacquirirt. Am 2. Dezember 1870 bemerkte Patient eineSchwäche des rechten Armes, welche das Aufheben desselbenbehinderte. Diese nahm in den nächsten Wochen in dem Gradezu, dass das Glied nur wenig gehoben werden konnte. ImLazareth zu Schwerin zog man 3 Monate lang — von Januarbis April 1871 — den konstanten Strom gegen das Uehel inGebrauch, ohne dass sich Besserung zeigte. Vielmehr ver-schlechterte sich der Zustand.
Status vom 12. Mai 1871: „Die rechte Schulter erscheintabgeflacht, hängend. Muskulatur des ganzen rechten Armes schlaf-Umfang der Extremität im Vergleich zur linken um durch-schnittlich 2 cm geringer. Temperatur und Empfindung récits