VI
Vorwort zum siebenten Bande.
Band VIT.
Ausführlichere Mittheilungen über Nervenkranke gingen begreiflicherweise überwiegend von denjenigen Aerztenaus, welche in stehenden Kriegs- oder in Reserve-Lazarethen über reichere Untersuchungsmittel geboten und, von denkriegerischen Ereignissen minder unmittelbar beeinflusst, den einzelnen Erscheinungen eingehenderes Studium zu widmenvermochten. Aus den Beobachtungen, welche bekannte Neuropathologen in solchen Lazarethen zu sammeln Gelegenheithatten, entstanden die wichtigen Beiträge von Bärwinkel, Berger, Fischer, Hitzig, v. Krafft-Ebing, Leyden,Nothnagel, Schiefferdecker u. A., welche an entsprechender Stelle dieses Bandes in grösserem oder geringeremUmfange mit verwendet sind. Der Abschnitt über nervöse Nachkrankheiten dos Abdominaltyphus (VI. Kapitel) lehnt sichunmittelbar an die bekannte Nothnagel'sche Arbeit an, giebt seine auf der elektrotherapeutischen Station des Berlinerund Breslauer Garnisonlazareths gesammelte Kasuistik wörtlich wieder. Unveränderte Aufnahme haben ferner gefunden:die v. Krafft-Ebing' sehen Fälle von Drucklähmung und zwei Beobachtungen Ley den's von sekundärer traumatischerLähmung (III. Kapitel), desgleichen die beiden Fälle Bumke's über Reflexläliniung (ebendaselbst), die Einzelfälle vonSchäffer, Graf, Pick und v. Nussbaum über traumatische Epilepsie (I. Kapitel). Zahlreiche Publikationen kamendem V. Kapitel (Wundstarrkrampf) zu Gute, vor allem die reichen Erfahrungen v. Beck's. Das hervorragendeInteresse, welches sich an die Krankheiten des sympathischen Nervensystems knüpft, rechtfertigte es, die Veröffent-lichungen Bärwinkel's, Bernhardt's und Seeligmüller's, soweit sie die aus dem Kriege stammenden Schuss-verletzungen des Ilalssympathikus angingen, ihrem Wortlaute nach aufzuführen (IV. Kapitel), zumal ihre Zahl nurnoch durch zwei wenig gründlich beschriebene Fälle ergänzt werden konnte. Von besonderem Werthe erschien es,dass verschiedene Kranke einzelner Autoren nach langjährigen Intervallen einer erneuten Untersuchung zugänglichwaren, so dass Veränderungen in den pathologischen Erscheinungen, wie sie z. B. für die rein funktionellen Erkrankungendes Nervensystems zu den Regelmässigkeiten gehören, ersichtlich gemacht werden konnten. Mit grosser und dankens-werther Freigebigkeit hat endlich Professor Berger in Breslau seine Privataufzeichnungen zur Disposition gestellt unddadurch die Kasuistik einzelner Abschnitte wesentlich gefördert.
Der Hauptsache nach sind aber die Bausteine zu den einzelnen Kapiteln auch dieses Bandes aus den Berichten derLazarethärzte und aus den Invalidenlisten zusammengetragen. Auf Veranlassung der Militär-Medizinal-Abtheilung desPreussischen Kriegsministeriums wurde die ganz überwiegende Mehrzahl der Invalidenakten bei den Bezirkskommandos allerKontingente von Militärärzten bezüglich der Nervenkrankheiten einer Durchsicht unterzogen, das zutreffende Materialgeordnet und in einen gleichmässig vorgeschriebenen Fragebogen eingetragen. Die Absicht, auf diese Weise eine wahrheits-getreue und vollständige Uebersicht über Entstehungsursachen, Symptome und Verlauf der einzelnen Krankheitsformenzu erlangen, Hess sich dessenungeachtet nicht überall erreichen. Da die alljährlich wiederkehrenden Invalidenuntersuchungenzunächst nichts weiter bezwecken, als den Militärbehörden eine möglichst einfache, leicht verständliche Vorstellung von demGrade der Erwerbsunfähigkeit eines Kranken zu verschaffen, so liegt es auf der Hand, dass die Militärärzte bei dieserGelegenheit die Natur eines bestehenden Nervenleidens einer zergliedernden Erörterung zu unterziehen keine zwingendenGründe haben. Es genügt, die Folgen einer Spezialerkrankung mit kurzen Worten vor Augen zu führen, ohne auf ihrWesen und ihren Charakter näher einzugehen. Mangel an Zeit und Untersuchungsmitteln steht überdies der exaktenBeschreibung verwickelter Krankheitsbilder auch bei diesen Anlässen fast immer hinderlich im Wege. Es leuchtetdaher ein, dass das so gewonnene Material für die hier in Betracht kommenden Fragen ebenfalls nur zum kleinstenTheile und mit besonderer Vorsicht benutzt werden konnte. So verlockend es war, viele Mittheilungen über Kriegs-invalide auf ihre Zugehörigkeit zu denjenigen Krankheitskategorien zu prüfen, welche der Neuropathologie mit Hilfeverbesserter Untersuchungsmethoden durch zahlreiche sorgsame Detailforschungen des letzten Jahrzehnts erschlossensind, so musste doch, wenn erhebliche Irrthümer und Unsicherheiten vermieden werden sollten, von diesem VorhabenAbstand genommen werden.
Inwieweit die Zahlenangaben in den einzelnen Kapiteln auf Vollständigkeit Anspruch machen dürfen, ist anden betreffenden Stellen auseinandergesetzt; sie zu ergänzen, bleibt die Aufgabe einer Invaliditäts-Statistik.