Vorwort zum siebenten Bande.
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Die Schwierigkeiten, welche einer dem gegenwärtigen Stande der Neuropathologie entsprechenden Sichtungdes auf die Erkrankungen des Nervensystems bezüglichen Materials aus dem Deutsch-Französischen Kriege entgegen-stehen, sind besondei'er und eigenthümlicher Art.
Fiel auch der Beginn jenes Krieges in eine Periode, in welcher die Lehre von den Nervenkrankheiten bereitsals bevorzugtes Feld wissenschaftlicher Thätigkeit einer fruchtbringenden Entwickelung entgegenzugehen begonnen hatte,so war doch damals der Mehrzahl der Aerzte im Allgemeinen weder in ihrem Universitäts-Studium, noch nach demselbenGelegenheit gegeben worden, auf diesem speziellen, zu jener Zeit noch von Wenigen kultivirten Gebiete eingehendereVorbildung zu erlangen. Gleichwohl legen die Feldzugsakten Zeugniss ab von dem mit der Dauer des Krieges immerallgemeiner zur Geltung gekommenen Bestreben, durch klinische Mittheilungen und pathologisch-anatomische Unter-suchungen der späteren zusammenfassenden Bearbeitung auch im Bereiche der Nervenpathologie nach Kräften nutzbarzu werden. Wenn die Ernte dieser Bemühungen dem Aufwände an Zeit und Arbeit nicht immer entsprach, so lagdies vor allen Dingen daran, dass damals nur für spärliche, besonders scharf charakterisirte Erkrankungsformen eineinheitlicher Standpunkt gewonnen war, während zahlreiche im Nervensystem sich abspielende pathologische Vorgängenoch der allerverschiedensten Deutung unterstanden.
Waren überdies die Verhältnisse in den Feldlazarethen und die nächsten Aufgaben dieser Sanitätsanstalten■— wie an anderen Stellen des Kriegs-Sanitätsberichtes vielfach betont ist — schon für die streng wissenschaftlicheVerfolgung weit einfacherer Krankheitsbilder nicht günstig, so machten sie begreiflicherweise die zeitraubende Unter-suchung von Nervenkranken im Allgemeinen fast ganz unmöglich, zumal eine solche vielfach komplizirtere Apparateerfordert, mit welchen ein Feldlazareth im Interesse seiner Beweglichkeit auch in Zukunft nicht füglich belastetwerden kann.
Erwägt man endlich, dass die elektrischen Untersuchungs-Methoden, welche in der Diagnostik der Nerven-krankheiten eine so entscheidende Rolle spielen, überwiegend erst nach dem Kriege zu ihrer gegenwärtigen Feinheitausgebildet worden sind; dass alle die in anderen Bänden dieses Berichts wiederholt hervorgehobenen Hemmnisse, denVerlauf der Krankheitszustände unter den an verschiedenen Orten behandelten, schliesslich aus dem Militärdienstentlassenen und dem Gesichtskreise entrückten Soldaten bis zu irgend einem Abschlüsse zu verfolgen, bei den Neuro-pathikern mindestens in gleicher Weise obwalten wie bei Kranken anderer Kategorien; dass ausserdem aber geradebei den von Nervenleiden heimgesuchten lebenden Kriegsinvaliden nicht selten die Folgen der nervösen Störungenmehr noch als die Länge der verflossenen Zeit die Erinnerung an die Anfänge und an die Entwickelung ihrer Krankheitverwischt oder unsicher gemacht haben, — so darf es gewiss nicht überraschen, wenn in der Kasuistik, namentlichhinsichtlich der Befunde, Lücken entstanden sind, deren Ausfüllung nicht mehr unternommen werden kann.
Speziell bei der überwiegenden Mehrzahl der akut verlaufenden Prozesse musste aus all' den oben berührtenGründen das Bestreben, auf Grund des Feldzugsmaterials ein abgerundetes Bild zu entwerfen, von vornherein alsaussichtslos erkannt werden. Immerhin war es — Dank dem regen Interesse sämmtlicher Berichterstatter an dengewaltigen Krankheitsformen — möglich, den Tetanus und die Cerebrospinal-Meningitis im V. und VII. Kapiteldieses Bandes zum Gegenstand abgeschlossener Darstellung zu machen.
Günstiger lagen die Dinge bei den chronischen Erkrankungszuständen, dei'en eigentliche Erkenntniss erstdurch häufig wiederholte Untersuchung in späteren Stadien gewonnen werden kann und deren Ausbildung so langeZeit in Anspruch nimmt, dass ein grösserer Zwischenraum zwischen Entstehung und wissenschaftlicher Verarbeitungzur Sicherstellung der Diagnose, des Verlaufes, therapeutischer Erfolge etc. geradezu als nothwendig bezeichnet werdenmuss. Ein ausgeprägtes Bild der Herd-Sklerose, der Tabes, der progressiven Muskelatrophie erfordert zu seiner Ent-wickelung meist lange Zeit, ein unausgebildetes verbietet die Verwerthung.