EaBasraJ^tssn
152
II. Kapitel: Wundkrankheiten.
BandHI. Allgem.
einer Zusammenstellung von 180 Wundinfektionsfiebern aus7 Jahren gefunden hat, die traumatische Infektion im Früh-ling und Sommer gefährlicher ist als im Herbst und Winter,und ob September und Oktober thatsächlich die am wenig-sten gefährlichen Monate sind, kann an den Verhältnissendes Deutsch-Französischen Krieges schon deshalb nicht ge-prüft werden, weil die Macht dieser Einflüsse jedenfalls nurverschwindend klein ist im Vergleich zu der Gewalt dervorher angeführten.
Als weiterer begünstigender Umstand für die Ent-wicklung der Pyämie und Septicämie wurde nach den Er-fahrungen des Feldzuges die unmittelbare Einwirkung desFrostes auf die Wunden bezeichnet.
An beiden Schlachttagen vor Orleans, am 3. und4. Dezember, mussten viele Verwundete bei einer Kälte von6 bis 8° Reaumur einen weiten Transport erdulden, vieledie Nacht hindurch bis zum folgenden Tage unter freiemHimmel liegen bleiben. Schon am 5. und 6. Dezemberzeigte eine Menge von Wunden ein schlechtes Aussehenund, abgesehen von wirklichen Erfrierungen der Füsse, kamfrühzeitig eine zu akuter Septicämie führende Wundinfiltra-tion zur Beobachtung, wie sie so bedeutend und so aus-gedehnt v. Langenbeck nie vorher gesehen zu haben ver-sichert.
Ebenso gaben sich nach Kirchner zu Versaillesim Winter bei den Verwundeten, welche von den Vor-posten gebracht wurden, in Folge von Einwirkung derKälte nicht selten, besonders nach Granatverletzungen,neben ungewöhnlich starkem Darniederliegen des Nerven-systems so rasche Veränderungen der verletzten Theile zuerkennen, dass von sonst angezeigten operativen Eingriffenwenigstens zunächst Abstand genommen werden musste unddie Kranken sich nur schwer oder gar nicht erholten.
Vielfach, aber keineswegs regelmässig, wurde dieBeobachtung gemacht, dass Pyämie in denjenigen Laza-rethen, welche in unmittelbarer Nähe von Schlacht-feldern ihre Thätigkeit entfalteten, 1 ) am schwersten auf-trat und die meisten Opfer forderte. Während die Einendarin die Folge der Boden- und Luftverunreinigung erkennenwollten, glaubten Andere die einfachste Erklärung darin zufinden, dass gerade in solchen Lazarethen die schwerstenVerwundungen sich anhäuften.
Die Ansammlung von Schwerverwundeten mitreichlicher, wohl gar jauchiger Eiterung hat nach den Be-richten vielfach nachtheilige Wirkungen ausgeübt. Selbstder grösste Luftraum konnte die Schädlichkeiten der Kranken-anhäufung nicht ausgleichen. Alle Aufmerksamkeit undHilfsmittel konnten allmälige Infektion zuletzt nicht ver-hindern. 2 ) Fehlende oder mangelhafte Pflege derVerwundeten blieb ebenfalls nicht ohne Einfluss auf dieEntstehung von Pyämie. Vei*wundete, welche ohne ärztliche
!) Vergl. hierzu vorstehend S. 69.2 ) Vergl. hierzu vorstehend S. 72.
Hilfe, unverbunden, Tage lang umhergelegen, wurden vielfalnachdem sie endlich in der übelsten Verfassung AufnahJin ein Lazareth gefunden hatten, Opfer der Pyämie iSepticämie. Aus dem 8. Feldlazareth VI. Armeekorps!Ablon 1 ) wurde mitgetheilt, dass die Aufnahme solcjvernachlässigter Schwerverwundeter, deren Verbändetmangelhafter Pflege 3 Tage lang nicht erneut, daher!übelriechendem Eiter und Zersetzungsprodukten aller!durchtränkt waren, von entschieden nachtheiligem Einflmgewesen sei.
v. Beck folgerte namentlich aus seinen Beobachtungin Französischen Lazarethen in Bischweiler, StrassbutJHagenau und Dijon, dass die ärztliche Behandluweise einen gewaltigen Einfluss geübt habe auf dasstandekommen der Pyämie. So erzählt er: „Das 5. Lazarlübernahm zu Dijon eine grosse Zahl Verwundeter, welcllängere Zeit in Französischer Behandlung gestanden ]welche bald mit reizenden Mitteln, bald mit KataplasiJtraktirt worden waren, dabei immer in eiterdurehtränkBetten lagen, bei denen Vieles versäumt wurde,diese Verletzten trafen wir bereits pyämisch an."
Als ebenfalls von Bedeutung für das Entstehen IPyämie wurden noch genannt: mechanische Schädkeiten, künstlich erzeugte Blutungen, zufälli«Hineingelangen giftiger organischer Stoffe,durch Verbandzeug, Hände, Kleider der Wärter, Ae|u. s. w. übertragen werden. Die mehrfach gemachte 1obachtung, dass der erste Schüttelfrost, der die Kranbeinleitete, bald nach einer Sondirung oder vergiversuchten Splitterentfernung auftrat, liess derarchirurgische Eingriffe als Gelegenheitsursachen der Pyaerscheinen, ohne dass man dabei im Allgemeinen imittelbare Uebertragung in erster Linie zu denken pH. Fischer sieht für die spätere Zeit des WundverUdie Hauptursache der Pyämie neben unzweckmäßigTransporten in operativen Eingriffen, v. Beck ertliif„nicht die Witterungsverhältnisse, der Genius epidertdie Hospital- und Barackenkonstitution, die Pilze haWwie manche glauben, bei Entstehung der Pyämie averantworten, sondern das Meiste der Wundarztda, die schwersten Fälle ausgenommen, man amdurch geeignetes Handeln den Auftritt verhüten kann."
Unter den im Speziellen Theile dieses Bandesgetheilten Krankengeschichten erscheinen zwei besondigeeignet, die unmittelbare Uebertragung der Pj^(Kontaktinfektion) zu beweisen. Der erste betrifft18. August 1870 verwundeten Kanonier J. G. (S. 573 NoJAm 8. September 1870 wurde nach der Kugel eifrig ge*lder Schusskanal in der linken Hinterbacke erweitert und iGegenöffnung angelegt, das Geschoss aber nicht geftwlDie Reaktion auf den Eingriff war sehr heftig. EsSchüttelfröste, hohes Fieber, jauchige Eiterung und der 1
!) Vergl. hierzu vorstehend S. 143.