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II. Kapitel: Wundkrankheitcn.
Band III. Allgem. Theil.
Erster Abschnitt.Wundrose.
Vorbemerkung.
Ein grösserer Theil der Chirurgen stand schon zur Zeitdes Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 auf dein Stand-punkt, jedes Erysipel als ein durch örtliche Ansteckung ent-standenes Wunderysipel anzusehen. Der Stempel der akutenInfektionskrankheit war dem Rothlauf aufgedrückt durch diehäufig beobachtete Ausbreitung zu Endemien und Epidemien,sein Massenauftreten zu bestimmten Jahreszeiten, das Aufhörender Weiterverbreitung nach Trennung der Kranken von denGesunden, den üblichen Beginn mit einem Schüttelfrost, das oftnachweisbare Ergriffensein der parenchymatösen Organe. Gegen-über der Wundrose fielen die Mittheilungen über das sogenannteidiopathische Erysipel wenig ins Gewicht, zumal es sich bei ihnenmeist um Kopfrosen handelte, deren Ausgang von kleinen undkleinsten Verletzungen der Mund-, Nasen- und Augenschleim-haut nur schwierig oder gar nicht festzustellen ist. Dem-jenigen Theil der Aerzte aber, welche an einer Trennung derWundrose und der idiopathischen Rose von einander festgehaltenhatten, verschaffte Virchow frischen Zuwachs, als er imJahre 1871 von Neuem aussprach, dass auch Temperatur-Ein-
flüsse Rothlauf zu erzeugen im Stande seien und darum Izwischen derartigen und den durch Infektion bedingten Fällen Iunterschieden werden müsse. Erst mit dem Nachweis spezifischer!Mikroorganismen in dem erysipelatösen Gewebe durch Kocl[und Fehleisen gelangte, 10 volle Jahre später, die Anschauunqdass ein organischer Ansteckungsstoff die Grundursache derRoülsein müsse, zu allgemeiner Anerkennung. Namentlich ent-fscheidend waren in dieser Beziehung die Untersuchungen des ILetztgenannten, welcher die Erysipelkokken in Reinkulturen!darstellte und auf den Menschen zu Heilzwecken mit typischemErfolge übertrug. Beide Autoren erbrachten auch den Beweiudass der örtliche Vorgang bei Rose, wie bereits Billroth bt-lhauptet hatte, in der Lederhaut verläuft und die Entzündung!erreger sich in der Lymphgefässbahn weiterverbreiten.
Diese geschichtlichen Andeutungen genügen, um darzutkurJdass die militärärztlichen Berichte aus dem Feldzuge sich bezüg-llieh der Entstehung der Wundrose nur mit der Frage der Amsteckungsfähigkeit und mit den Hilfs- oder Gelegenheitsursacheildes Erysipels beschäftigen konnten.
I. Vorkommen.
Erkrankungen an Wundrose waren während der Kriegs-zeit im Allgemeinen nicht besonders liäulig, weder in denLazarethen auf dem Kriegsschauplätze, noch in den Hospi-tälern des Inlandes. Im Ganzen wurden 470 Fälle') aus denZählkarten gesammelt. Hierzu kommt wohl die überwiegendeMehrzahl der in der Litteratur zerstreuten Beobachtungen.
A. In Lazarethen auf dem Kriegsschauplatz.
Den Feldlazarethen des Gardekorps, des VII. undXIII. Armeekorps blieb Wundrose gänzlich fern; beim IL,IV., IX. und Werder'schen Korps war sie selten, häufigertrat sie in Feldlazarethen des L, III., V., VI., VIII., X.und XI. Armeekorps auf, aber auch hier immerhin nur beieiner geringen Zahl von Lazarethen und im Verhältnisszu ihrer Belegung meist in beschränktem Maasse. MitEpidemien hatten zu kämpfen: das 8. FeldlazarethVIII. Armeekorps in Amiens, sowie das 10. und 11. Feld-lazareth I. Armeekorps in Beauvais und Eouen. Beider Mehrzahl der Bayerischen Aufnahms-Feldspitäler wardie Erkrankungsziffer an Wundrose gering. Eine Ausnahme
!) Vergl. die Uebersicht auf Seite 94/95.
bildete das Aufnahms-Feldspital No. 3, welches während!seiner Thätigkeit in Bazeilles bei Sedan zahlreichere|Krankheitsfälle zu verzeichnen hatte.
In den Kriegs lazarethen zu Styringen und Foriback wurde die in Rede stehende Wundkrankheit irnilwenige Male gesehen; öfter in Pont ä Mousson, NanejJStrassburg, Mülhausen i. E., Reims und Orlean-.lAus der Zahl der von Billroth in Weissenburg 1*|handelten (132) Verwundeten bekam Niemand Erysipel, [
Zuerst zeigte sich die Krankheit in einigen vor Jletiletablirten Feldlazarethen. In Courcelles (9. Feldlazarett!VIII. Armeekorps) erkrankte gegen Ende August 1870 eiilgrösserer Theil der in dem dortigen Schulhause, dem Eatilhaussaal und in der Kirche untergebrachten Verwundeten; §|Rose gesellte sich bei ihnen zu Wunden an den oberen iunteren Gliedmaassen. Auch in Gorze entfielen die ersten!Erkrankungen auf den August. In Cheuby (10. Feldlazarett II. Armeekorps) und Les Etangs (1. und 9. Feldlazarett!I. Armeekorps) wurden einzelne Verwundete daran ebei-lfalls schon im genannten Monat behandelt, deneu dam letztgenannten Ort im September und Oktober anderejfolgten.