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3. Chirurgischer Theil A (1890) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Allgemeiner Theil
Entstehung
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Zweites Kapitel,Wundkrankheiten.

Vorbemerkung.

Sieht man von denjenigen Verwundeten ab, welche inLazarethen Organverletzungen oder allgemeiner Erschöpfung,dem Shock oder Blutungen oder hinzugetretenen inneren Er-krankungen erlegen sind, so wird man vom heutigen Stand-punkte aus sagen müssen, dass die in Lazarethen an Wunden(iestorbenen wohl ausschliesslich durch Wundkrankheitendahingerafft worden sind. Wenn gleichwohl in der nachstehen-den Uebersicht unter 9737 an Wunden Gestorbenen nur bei2007 eine bestimmte Wundkrankheit als Todesursache sich an-gegeben findet, so geht daraus ohne Weiteres hervor, dass dieseauf den Mittheilungen im Speziellen Theile dieses Bandesfussende Statistik dem wahren Sachverhalt nicht vollständigentspricht, auch wenn man gebührend berücksichtigt, dass nochandere verderbliche Infektionen als die in der Uebersicht auf-geführten in Betracht kommen. Bestätigt wird solche, ledig-lich aus der Betrachtung der Zahlen selbst geschöpfte An-nahme durch die Mittheilungen im Texte der einzelnennachstehenden Abschnitte. Der Vollständigkeit jedenfallssehr nahe kommen die Zahlen für Wundstarrkrampf. ImVII. Bande dieses Berichtes (S. 116) ist auseinandergesetzt,weshalb das über den Wundstarrkrampf vorliegende Materialals vorzugsweise verlässlich gelten kann. Ebendaselbst (S. 117)findet sich die Angabe, dass im Ganzen 350 Fälle von Wund-starrkrampf, darunter 31 Heilungen (S. 123), bei DeutschenVerwundeten bekannt geworden sind. Demgegenüber berichtetdie nachstehende Uebersicht zwar nur über 294 Fälle mit26 Heilungen, gleichwohl stellen diese Zahlen eine Bereicherungder weiteren Angaben im VII. Bande dar, insofern dort nur270 Fälle auf die einzelnen Körpergegenden vertheiltwerden konnten. Weiter hinter den wirklichen Vorkomm-nissen scheinen, soweit der Text der nachstehenden Abschnittedies erkennen lässt, die in der Uebersicht enthaltenenZahlen für Wundrose und Hospitalbrand zurückzubleiben, amweitesten aber ohne Zweifel diejenigen für Pyämieand Septicämie. Man wird schwerlich fehlgehen in derAnnahme, dass ein grosser Theil derjenigen Todesfälle, überwelche nähere Angaben nicht vorliegen, den letztgenannten«undkrankheiten oder nahe verwandten Infektionen zuzu-schreiben sind.

Immerhin sind die in der nachstehenden Uebersicht mit-getheilten Zahlen soviel grösser als alle bisher veröffentlichten,dass aus ihnen mit sehr viel mehr Berechtigung als aus denMittheilungen einzelner Beobachter Schlüsse gezogen werdenkönnen sowohl hinsichtlich der absoluten Häufigkeit der ein-zelnen Wundkrankheiten, als hinsichtlich des Verhältnisses, inwelchem die Häufigkeit einer Wundkrankheit zu derjenigeneiner anderen stand, des Weiteren hinsichtlich der Häufigkeit,in welcher die Wunden verschiedener Körpergegenden von deneinzelnen Wundkrankheiten befallen wurden. In welchem

Maasse endlich letztere sich zu den verschiedenen Arten vonWundon (leichten und schweren) gesellten, ist im Texte dereinzelnen nachstehenden Abschnitte (ebenfalls auf Grund derTabellen im Speziellen Theile dieses Bandes) erörtert.

Dass die Gefahr, mit welcher Wundrose und Hospital-brand das Leben bedrohen, geringer ist, als es nach denZahlen der Uebersicht den Anschein hat, wird im Texteder folgenden Abschnitte I und II näher dargelegt. Im Gegen-satz dazu darf bei den sonstigen in der Uebersicht berück-sichtigten Wundkrankheiten im Allgemeinen wohl der Tod alswirklich durch die betreffende Wundkrankheit bedingt angesehenwerden. Betreffs der Heilungen nach eingetretener Pyämie sieheden nachstehenden Abschnitt III.

Ausführlichere Darstellung ist im Folgenden der Wund-rose, dem Hospitalbrande einschliessl. Wunddiphtherie,endlich der Pyämie und Septicämie gewidmet. Bezüglichdes Wundstarrkrampfes blieben zu der im VII. Baudedieses Berichtes enthaltenen eingehenden Bearbeitung nureinige Ergänzungen nachzutragen. Das akut purulenteOedem war so selten und den Berichterstattern deshalb eineso wenig vertraute Erscheinung, dass die darüber vorhandenenspärlichen Nachrichten nur eine kurze Zusammenstellung er-forderten und gestatteten. Betreffs der Knochenmark-entzündung sind in der nachstehenden Uebersicht die er-mittelten Zahlen zwar ebenfalls aneinandergereiht, schon anmehreren Stellen des Speziellen Theiles aber wurde darauf hin-gewiesen, 1 ) dass es zweifelhaft bleibt, ob in allen denjenigenFällen, in welchenKnochenmarkentzündung" sich angegebenfindet, wirklich die heut im engeren Sinne mit diesem Namenbelegte Wundinfektionskrankheit darunter verstanden werdenkann. Eine Gesammt-Bearbeitung anderer Wundkrankheiten(Brand, Druckbrand, Zellgewebsentzündungen, Lymphgefäss-entzündungen u. s. w.) erschien nach Art des vorhandenenMaterials nicht aussichtsvoll genug und um so weniger er-forderlich, als das Hauptsächlichste, was darüber zu sagen wäre,im Texte der einzelnen Kapitel des Speziellen Theils seine Stellegefunden hat. a )

Einige Grundanschauungen, von denen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges hinsichtlich der Entstehung und Ver-breitung der Wundkrankheiten überhaupt mindestens ein er-heblicher Theil der Aerzte erfüllt war, sind bereits im Voran-gegangenen (Seite 22 dieses Bandes) angedeutet. Die Ergänzungdieser Meinungen findet sich, soweit die einzelnen hier aus-führlicher besprochenen Wundkrankheiten in Betracht kommen,in den nachstehenden Abschnitten.

i) Siehe z. B. Spez. Tli., S. 1005.

2 ) Siehe z. B. insbesondere wegen Druckbrandes nach Verletzungender Wirbelsäule Spez. Th., S. 280 und 329.