Band III. Allgem. Theil. IL Abschnitt: Behandlung der Wunden, insbesondere der Schusswunden, im Allgemeinen.
29
i
auf die Wunde ein einfacher Deckverband aufgelegt, nach-dem das verwundete Glied mit einer nassen Binde ein-gewickelt war.
Gewöhnliche, nicht verlängerte, warme und heisse Bäderkamen sehr vielfach nach Heilung der Schusswunden derGelenke oder in der Nähe der Gelenke in Gebrauch, umGelenksteifigkeiten — oft durch zu langdauernde Fest-stellung des verwundeten Theils in ein und der-selben Stellung bedingt — zu heben. Die Klage überdiese, in einer nicht geringen Anzahl von Fällen gewissvermeidbaren Anchylosen war schon während des Feld-zuges eine weitverbreitete. Neben einfachen heissen Bädernbenutzte man zur Hebung der Gelenksteifigkeiten auchthierische Bäder. Das Beservelazareth Benrath will durchsie „besondere Erfolge" erzielt haben.
Im Gegensatze zu den früheren Kriegen, namentlichzum zweiten Schleswig-Holsteinschen, waren verlängertekalte Bäder nur wenig üblich. Das ReservelazarethFreiburg i. Schi, spricht sich sehr zufrieden mit derWirkung derselben aus. Ein am Ellenbogengelenk Ver-wundeter bot wegen lebhaften Fiebers und allgemeinenVerfalles eine üble Vorhersage. Das dauernde kalte
Wasserbad und innere Darreichung von Chinin bessertenden Zustand. Es trat unter dieser Behandlung Heilungohne verstümmelnde Operation ein. Nicht uninteressantist folgender Fall, über welchen das eben genannte Lazarethgleichfalls berichtet. Ein Verwundeter mit einer Schuss-verletzung in der Nähe des Fussgelenks, die zu brandigerZerstörung des Fusses geführt hatte, lag dauernd, d. h. Tagund Nacht, vom 23. Oktober 1870 bis 21. März 1871, alsogegen fünf Monate, im kalten Wasserbade, welches so kühlals möglich gehalten wurde; „eine andere Behandlungsweiseverträgt er nicht", heisst es in dem Berichte. Erst nachdieser langen Zeit bildete sich an der Wade eine Ab-grenzungslinie, welche nunmehr die Vornahme der Amputa-tion gestattete; der weitere Verlauf war gutartig; der Ver-wundete wurde am 28. April 1871 geheilt entlassen. DerFall ist insofern bemerkenswerth, als er zeigt, dass Kälte,in der genannten Form dauernd angewandt, den Einflussseptischer Stoffe auf den Gesammtorganismus viele Monatehintanhalten kann; freilich ist er aber auch ein Beweisdafür, wie sehr die Lebensvorgänge in der Nachbarschaftdes abgestorbenen Theiles herabgestimmt werden, denn esverging beinahe ein halbes Jahr, bevor das Lebende vomTodten sich deutlich schied.
III. Antiphlogistische Behandlung. — Innere Arzneien. — Schmerzstillung.
Der antiphlogistischen Behandlung der Schuss-wunden brachte man kein besonderes Vertrauen entgegen;es wurde deshalb kein umfassender Gebrauch von ihrgemacht.
Im Feldzuge von 1866 spielte das Eis bei Behandlungder Schussverletzungen noch eine ganz bedeutende Bolle;wo dasselbe irgend zu beschaffen war, machte man währendder ersten drei bis vier Tage davon Gebrauch.
Im Kriege 1870/71 hätte schon die ungeheure Zahlder Verwundeten eine derartige Behandlung in grösseremUmfange unmöglich gemacht; aber selbst wo man desEises habhaft werden konnte, beschränkte man seine Be-nutzung meistens auf Fälle von Schussverletzungen dergrösseren Gelenke, namentlich des Kniegelenks.') Nur inSüddeutschen Feldspitälern sah man öfter sofortige An-wendung des Eises, durch welche befriedigende Ergebnisseerzielt sein sollen; bei den Norddeutschen Lazarethenscheint, so weit die amtlichen Berichte darüber Aufschlussgeben, nur im Bereiche des VIII. Armeekorps ein etwasumfassenderer Gebrauch von ihm gemacht worden zu sein.Hier finden sich auch Klagen über schädliche Wirkungendes Eises; man benutzte dasselbe zu lange und sah in Folgedessen Absterben grösserer Hautstücke entstehen. (10. Feld-lazareth VIII. Armeekorps.)
Vergl. Spez. Theil dieses Bandes, S. 677 und 775.
Häufiger benutzte man Eis im Stadium der Re-aktion, auch nach Entfernung von Fremdkörpern, um dienach diesem Eingriff oft eintretende Verschlimmerung derWundverhältnisse möglichst zu verhüten. Unter Schill-bach's Einfluss wurde namentlich in den Reservelazarethendes XI. Armeekorps ein ausgiebiger Gebrauch von Eis ge-macht; auch in Berliner und Potsdamer Lazarethen fandes seine Lobredner. In Nauen schrieb man der reichlichenBenutzung des Eises (es befanden sich grosse Vorräthe vonEis in den dortigen Brauereien) die günstigen Erfolge inder Wundbehandlung, namentlich bei den Gelenkschüssen,zu. Die geringe Anzahl der nothwendig gewordenen Opera-tionen sei der Erfolg dieser Behandlungsweise. „DieserKälteanwendung bezw. den ergiebigen Kaltwasserumschlägenist es vielleicht zu danken, dass die Wunden durchgängigein frisches reines Aussehen hatten und septische Er-scheinungen so selten vorkamen." Das Lazareth behandelte2338 durch Kriegswaffen Verwundete, 242 durch andereBeschädigungen hervorgerufene Wunden und 323 „äussereLeiden". Bei 10 Mann trat Hospitalbrand, 2 mal Wundrose,20 mal Pyämie und 2 mal Wundstarrkrampf auf; im Ganzenwaren nur 0.67 $ Todesfälle zu verzeichnen. Unter dendaselbst behandelten Verwundeten befanden sich auch frischVerletzte aus den Kämpfen bei Wörth und Spicheren.Diesen günstigen Ergebnissen gegenüber stehen die Klagenzahlreicher anderer Lazarethe, dass auch im Entzündungs-
1