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I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.
Anerkennung zu erfreuen gehabt. Man fürchtete, dass derschädliche Einfluss der Luft durch das Debridement erstrecht wirksam werde. Man schritt daher zu demselbennur zum Zwecke der Blutstillung oder um die Entfernungdes Geschosses vorzunehmen. 1 )
Die Behandlung der Schusswunden durch örtlicheDauerbäder erfreute sich auf die Empfehlung hervor-ragender Chirurgen, namentlich v. Langenbecks, imFeldzuge 1864 grosser Verbreitung; nachdem sie sodannim Feldzuge 1866 theilweise verlassen worden war, errangsie im Deutsch-Französischen Kriege wieder ihre frühereBeliebtheit. Aus den amtlichen Berichten erhellt Folgendes:
1. In allen Armeekorps wurden Dauerbäder inAnwendung gebracht; sie waren die gewöhnlichste Be-handlungsweise der Schusswunden im Bereich des III. undVIII. Armeekorps.
2. Man benutzte sie namentlich bei Verletzungen derHände, der Füsse und des Vorderarms, aber auch desEllenbogengelenks, des Unterschenkels und Kniegelenks,seltener des Oberarms.
3. Man war mit den Wirkungen der Bäder im Grossenund Ganzen ausserordentlich zufrieden, was um so mehr be-tont werden muss, als über andere empfohlene Behandlungs-weisen, wie z. B. über die antiseptische, die Meinungenrecht getheilt waren. Man brachte den Bädern schon vonvornherein mehr Vertrauen entgegen, als irgend einerandern Behandlungsart. Während über alle anderen Me-thoden vielfache Klagen laut wurden, enthalten die Berichteüber Unwirksamkeit oder gar schädlichen Einfluss derörtlichen Bäder auf den Wundverlauf fast nichts.
4. Man wandte die Bäder in warmer und kalter Forman, in letzterer seltener; beide vornehmlich in der Absicht,die Luft von der Wunde fern zu halten, die kalten, umzugleich der Wunde Wärme zu entziehen.
Das 7. Feldlazareth V1I1. Armeekorps sah beiSchussbrüchen, wenn sie mit Brand verbunden waren, von
] ) Dem Debridement wird durch Einführung der antiseptischenWundbehandlung in die Kriegschirurgie vielleicht eine neue Zukunfteröffnet; es hat sich bei den komplizirten Knochenbrüchen bisher be-währt, und seine Empfehlung geht von hervorragender Seite aus. Einegrosse Zahl schwerer Schussverletzungen namentlich der Knochenwürde vielleicht mit noch grösserem Rechte vorbeugende Einschnitteverlangen, als die gewöhnlichen im Frieden entstehenden VerletzungenAus dem Satze, dass man von vornherein jede Schusswunde alseine solche ansehen muss, in welche pathogene Mikroben ein-gedrungen sind, oder doch eingedrungen sein können, folgt, dassjede Schusswunde zunächst in zweckmässiger Weise zu desinfizirenist. Handelt es sich um einen in gerader Linie verlaufenden kurzenFleischschusskanal, so ist das ausreichende Desinfiziren wohl kaummit Schwierigkeiten verknüpft; anders verhält es sich bei ge-wundenem Schusskanal, bei buchtigen Wunden und namentlich beiKnochenschussbrüchen; soll hier die Wunde in allen ihren Theilendem Desinfiziren zugängig gemacht werden, so wird dies, ohne Er-weiterung der kleinen Einschussöffnung kaum gelingen. Es kann derFall wohl eintreten, dass ein künftiger Feldzug die EmpfehlungAmbroise Pare's wieder zu Ehren bringt.
der Anwendung der warmen Dauerbäder „äusserst günstigenErfolg". Das 9. Feldlazareth VIII. Armeekorps be-richtet über eine Schussverletzung des rechten Unter-schenkels; das Schienbein war in einer Ausdehnung von15 cm zersplittert; die Zerstörung der Knochen sowohl,als der Weichtheile, das Auftreten vou Zellgewebs-Ent-zündungen und Eitersenkungen Hessen die sekundäreAmputation als das Zweckmässigste erscheinen, da Gefahrvorhanden war, dass die übermässige Eiterung die Kräftedes Kranken erschöpfe. Die Warmwasserbäder, zu denenals zur letzten Zuflucht gegriffen wurde, retteten indessdas Leben des Verwundeten und erhielten ihm sein Glied.Sie bewirkten das Abstossen der brandig zerstörten Binde-gewebsmassen und Muskeln, der Abfluss des Eiters wurdeerleichtert und durch Zusatz von Chlorkalk und Karbol-säure zu dem Wasser wurde der jauchigen ZerstörungEinhalt gethan. Während des Badens wurde die Fest-stellung der gebrochenen Gliedmaassen durch hölzerneSchienen bewirkt. Das 2. Feldlazareth VIII. Armee-korps schreibt: „Wir hatten durch Herbeischaffung vonwarmem Wasser Gelegenheit genommen, von Dauerbädernden ausgiebigsten Gebrauch zu machen, wodurch wirmanchem Verwundeten, der unter minder günstigen Ver-hältnissen gewiss amputirt wäre, die höchst gefährdetenGlieder erhalten haben." Das Vincenz-Hospital zu Aachenspricht gleichfalls von der erfreulichen Wirkung warmerörtlicher Bäder von zwölfstündiger Dauer (am Tage), wenndie Umgebung der Wunden „sehr geschwollen und schmerz-haft" war. Bei einer Zerschmetterung der Fusswurzel-knochen so hohen Grades, dass nach der Ansicht einerReihe von Aerzten die Pirogoff'sche Operation angezeigterschien, wurde im Lazareth Birkenfeld durch den Ge-brauch warmer Dauerbäder der Fuss erhalten und derKranke bis auf eine zurückbleibende Steifigkeit im Fuss-gelenk geheilt. In ähnlicher Weise berichten die Reserve-lazarethe Potsdams, in welchen bei Behandlung derSchussbrüche und Gelenkverletzungen vorzugsweise lau-warme Bäder „mit grossem Nutzen" in Anwendung kamen.Schussbrüche des Kniegelenks wurden in Neuwied „erfolg-reich" mit lang dauernden warmen Bädern behandelt. Inden Reservelazarethen des I. Armeekorps sah man nament-lich bei Hospitalbrand bei der in Rede stehenden Behand-lungsweise den günstigsten Erfolg.
Hier und da setzte man den Bädern auch Karbolsäurezu, welche einen „sicheren Erfolg gegen den Hospitalbrandgewährleisten" sollte. Zusatz von Chamillen wurde derKarbolsäure meist vorgezogen; auch 1 '/sprozentige Koch-salzlösung soll ganz „überraschende Erfolge" ergebenhaben. In den Badeorten wurden die vorhandenen Heil-wässer zu Dauerbädern benutzt; die Aachener Lazarethekönnen den gliedererhaltenden Erfolg ihrer Quellen nichtgenug rühmen.
Gewöhnlich erstreckte sich die Dauer des einzelnenBades auf etwa zwölf Stunden des Tages; Nachts wurde