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I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.
Obduktionsprotokoll folgenderinaassen'): In der linkenMammillarlinie unmittelbar am Rippenbogen zeigt die Hauteine strahlige, weissgraue, alte Narbe. Ihr entsprechendfindet sich an der Innenwand der Bauchwand am Bauchfelleine ausgedehnte Verwachsung des sehr fettreichen Netzes.Inmitten des Netzes, welches wie normal die sämmtlichenDarmschlingen bedeckt, sitzt eine Kugel, und zwar ein-gehüllt in einer dünnwandigen, durchscheinenden, binde-gewebigen Kapsel, welche stielartig angeheftet ist durcheinen 3 cm langen, mit Fettgewebe durchwachsenen, fibrösenStrang von der Dicke eines Stahlfederhalters. Das Projektilsieht in der festanliegenden häutigen Hülle dunkelgrau aus.Milzmaasse: 12, 8, 2 cm. Leicht zottig verdickte Kapsel;Gewebe etwas weich; Follikel gross und zahlreich. Un-bedeutende Verhärtung der Leber, deren Kapsel glatt istund deren Acini undeutlich gezeichnet sind. Nieren gross,glatt, das Organgewebe von natürlicher Festigkeit undFarbe. Nach diesem Befunde gewinnt es den Anschein,als sei trotz der Schwierigkeit der Kriegsbehandlung imFeldzuge 1866 und trotz der damals noch fehlenden Anti-septik durch das Geschoss eine Infektion der ganzen Bauch-höhle doch nicht zu Stande gekommen. Die Angaben desVerwundeten, die er auf der Nervenstation gemacht, warenzu ungenau, um über den Wundverlauf ein klares Bild zugewinnen. Sicher ist nur, dass das eingewachsene Geschossbeinahe 19 Jahre lang keinerlei Beschwerden verursachthatte, und dass es erst nach dem Tode in der von frischerEntzündung vollkommen freien Bauchhöhle entdeckt wurde.
Die (hier zuerst) beigegebene Abbildung (Zeichnung 1,S. 19) zeigt einen Theil des Netzes über eine nach vorngeneigte Glasplatte gespannt, so dass die Kugel frei inder Konservirungsflüssigkeit hängt.
Nach H. Fischer 2 ) betrug die längste Zeitdauer,während welcher Kugeln in den Weichtheilen verblieben,soweit bis jetzt bekannt, 59 Jahre. Diese Zeit ist nochübertroffen durch die ruhige Lagerung eines grossen rundenGeschosses, welches ein Invalide aus den Befreiungskriegen63 Jahre lang in der Muskulatur des Nackens mit sichherumgetragen hat.
W. R., geboren am 10. Oktober 1791, wurde am2. Mai 1813 in der Schlacht bei Gross-Görschen durchGewehrschuss verwundet. Die Kugel drang in der rechtenSeite des Halses ein und blieb unterhalb des rechtenWarzenfortsatzes stecken. R. fand später bei der Leib-kompagnie des Invalidenhauses Berlin Aufnahme. AmQuerfortsatz des 4. Halswirbels war ein fester Körperfühlbar, der sich nur sehr wenig bewegen liess und nichtdie geringsten Beschwerden machte. Indessen wünschteder Invalide doch die Herausnahme des Geschosses, welcheam 3. Mai 1876 durch Einschnitt mit Leichtigkeit bewerk-stelligt wurde. R. starb 1 Jahr später, am 15. August
x ) Vergl. Charite-Annalen 1885. X. Jahrgang: Jürgens, UeberSyphilis des Rückenmarks und seiner Häute. S 739.
2 ) H. Fischer, Handbuch der Kriegschirurgie, 2. Aufl., fS. 82.
1877 an Altersschwäche. Die Freilegung der Halswirbel-säule ergab, dass die Querfortsätze vollkommen unversehrtwaren.
Trotz der Lagerung in Weichtheilen waren durch dasGeschoss weder nachweisbare noch empfundene Störungenhervorgerufen gewesen. Es hatte allerdings, wie aus derbeigegebenen Zeichnung 2 ersichtlich, durch Anlehnung an
Zeichnung 2.
knöcherne Gebilde einen sicheren Halt, so dass es nichtdurch die Schwere zum Wandern nach unten veranlasstwerden konnte.
Die Kugel bestand aus weichem Blei, war rund undwog 25 Gramm. An der einen Seite trug sie eine 2 cmlange Furche, deren Wände lippenförmig bis zu 4 bezw.7 mm Breite aufgeworfen waren. Auf der nach vorn ge-richteten Fläche hatte sich eine feste gelbliche, kalkartigeAuflagerung gebildet, welche, 2 cm lang, 0.5 cm breit, imBogen nach hinten zog. Mit 'der beschriebenen Furcheritt das Geschoss auf dem unteren Theil des Gelenk-fortsatzes des 3. Halswirbels und dem ganzen Gelenkfortsatzdes 4. Halswirbels, wie auf einem Sattel. Der am weitestenvorspringende Theil der breiteren Lippe reichte bis anden hinteren Rand des Halbkanals des Querfortsatzes.Die vordere Fläche der Kugel berührte die Hinterseite des3. und 4. Querfortsatzes.
Wie das Geschoss im Ganzen, so heilen auch Stückevon ihm in Weichtheilen ein. Wahrscheinlich war es eineingeheiltes Bleistückchen, welches man im Falle 14, S. 926des Spez. Th. zwei Jahre nach der erhaltenen Gewehr-schusswunde als kleinen beweglichen Körper an der Narbeder Einschussöffnung fühlte. Unter den Feldzugs-Invaliden,welche 1881/82 in Lazarethbehandlung kamen, befanden sichzwei, deren Krankheitsgeschichte hierher gehört. Bei demeinen hatte sich nacli Streifschuss an der behaarten Kopf-haut und Stirn während der letzten Jahre eine schmerzhafteGeschwulst bis zur Grösse einer Wallnuss über dem linkenAugenbrauenbogen entwickelt, in welcher der Invalide dieKugel vermuthete. Ein Einschnitt förderte nun zwar nichtdiese, wohl aber „Bleitheilchen" aus der „gutartigen",aus Bindegewebswucherungen bestehenden Geschwulst ansLicht. Der andere hatte 1870 bei Vendöme einen Schuss-bruch des linken Oberschenkels erlitten, welcher mit Ver-kürzung um 9 cm geheilt war. Bis Herbst 1881 waren