Druckschrift 
3. Chirurgischer Theil A (1890) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Allgemeiner Theil
Entstehung
Seite
8
Einzelbild herunterladen
 

I. Kapitel: Kriegschirurgische Anschauungen zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges u. s. w. Band III. Allgem. Theil.

B. Schusskanäle.

Eigentümlich verlaufende, zum Theil überaus langedurch das Chassepotgeschoss hervorgerufene Schusskanälesind häufig berichtet. Ein Theil derselben erklärt sichdadurch, dass eine grosse Anzahl der Verwundeten inliegender Stellung verletzt wurde. Das Reserve-lazareth Schönebeck a. E. behandelte einen solchenMann, welchen das Geschoss, während er in liegenderStellung im Anschlag sich befand, erreichte. Das Geschossdrang in die Nähe des Schultergelenks ein, spaltete denOberarmknochen seiner ganzen Länge nach in drei Theileund blieb im Ellenbogengelenk sitzen. Die eigenartige Ver-letzung wurde in der ersten Zeit nach ihrer Entstehungnicht erkannt; bei der ersten Untersuchung war es sogarzweifelhaft geblieben, ob überhaupt ein Bruch bestand,denn der Arm war sehr muskulös, Knarren oder ab-norme Beweglichkeit in der Quer- oder Schrägrichtung,Verkürzung war nicht zu bemerken, so dass scheinbarder dreifach gespaltene Knochen ein festes Knochengerüstdarstellte. Der Verwundete ward, da man ihn für leichtverletzt hielt, von Sedan bis nach Schönebeck (an derElbe) transportirt. Hier erkrankte er an Ruhr und starb.Erst die Sektion ergab die überraschende eigenartige Ver-letzung. In einem andern Falle drang das Geschoss inden Saum der Unterlippe, etwas nach links von der Mittel-linie; es zerschmetterte den mittleren Theil des Unterkiefersund verursachte dann einen Haarseilschuss bis zum Scrobi-culus cordis, an welcher Stelle es herausgeschnitten wurde(Reservelazareth Coblenz). Im Reservelazareth Wolfen-büttel ward ein Verletzter behandelt, bei welchem einGeschoss in die Nackenmuskulatur eingedrungen und unterden Bedeckungen der Wirbelsäule, fünf Dornfortsätzeauf seinem Wege zerbrechend, bis zum Kreuzbein gelangtwar. Bei der Sektion des an Pyämie Verstorbenen fandsich die Kugel tief eingekeilt im Kreuzbein vor. ImReservelazareth Bremen befand sich ein Verwundeter, beiwelchem das Geschoss oberhalb des Olekranon eindrangund auf dem Handrücken wieder austrat, ohne dass eineKnochenverletzung nachzuweisen war. In diesem Fall hattesich der Getroffene wahrscheinlich im Anschlag befunden.Ebenso lassen die Französischerseits veröffentlichten Berichteerkennen, dass das Preussische Langblei gleichfalls häufigdurch die ganze Länge der Glieder gedrungen ist; auchhier erklärt sich der Lauf des Geschosses durch die Stellungdes Verwundeten bezw. durch die im Augenblick der Ver-letzung innegehabte Haltung des getroffenen Körpertheils.

Betreffs des Ausweichens der grossen Blutgefässe(insbesondere derjenigen am Halse) bei solchen langenSchusskanälen siehe Spez. Th. S. 348.

Geschosses, bedeutender sein; dagegen erscheinen die Naheschüssedes Chassepots gefährlicher, weil das Geschoss desselben sich leichterstauchte und leichter Sprengwirkungen hervorrufen musste als dasZüiulnadel-Langblei.

Die geringe Endgeschwindigkeit des Chassepot-geschosses war Ursache, dass dasselbe nicht selten eigen-tümliche Ablenkungen erfuhr. Beobachtungen, dassdie Kugel den Knochen umkreiste, ohne ihn zu zerbrechen,waren häufig. Ein gewiss seltenes Vorkommniss dieser Artberichtet das Reservelazareth Bonn IL Ein Schussverletzter,bei welchem die Diagnose irrthümlicherweise auf Bruch desSchenkelhalses gestellt war, starb an Pyämie. Die Sektionergab, dass eine Trennung des Zusammenhanges desKnochens nicht stattgefunden hatte, dagegen zeigte sichder Schenkelhals schraubenförmig abgestorben, den Laufder Kugel um den Knochen in klarster Weise erkennenlassend. Im Vereinslazareth Birkenfeld befand sich einVerwundeter, bei welchem das Geschoss zunächst denobersten Knopf seines Waffenrockes getroffen hatte; vondiesem wurde es abgelenkt, glitt dann auf der zweitenlinken Rippe unter dem grossen Brustmuskel entlang, tratam inneren Rande der Achselhöhle aus, drang in den linkenOberarm wieder ein, umkreiste diesen und ward dichtoberhalb des Ellenbogengelenks gefunden.

Auch ganz plattgedrückte Geschosse umkreisten zu-weilen die Knochen. Das Reservelazareth Landsberg a. W.erwähnt eines Falles, in welchem das Geschoss zunächstam äusseren Umfang des Oberarms in der Höhe des An-satzes des Deltamuskels eindrang, sich am Knochen, ohneihn zu zerbrechen, ganz platt drückte und in dieser Formden Oberarmknochen umkreisend, einen weiten Schusskanalschuf, um schliesslich in der Achselhöhle stecken zu bleiben,wo es an der gewöhnlichen Unterbindungsstelle der Achsel-schlagader herausgeschnitten wurde. Sehr ähnlich ist die imSpeziellen Theil dieses Bandes, S. 845 No. 12 mitgetheilteVerwundung. Hier schlug die Kugel an der Aussenseite deslinken Oberarms auf den Knochen auf, ging um ihn unterdem zweiköpfigen und Rabenschnabel-Armmuskel herum,blieb am inneren Rande des zweiköpfigen Muskels unter derHaut stecken und wurdegänzlich platt geschlagen" andieser Stelle herausgeschnitten.

Eine eigenthümliche Verletzung, einen Ringelschussam Becken, beobachtete das Lazareth Nieder-Leppers-dorf. Bei einem Manne des 2. Niederschlesischen Infan-terie-Regiments No. 47 war das Geschoss in das obereDrittel des rechten Oberschenkels eingetreten, hatte dannbogenförmig, ohne wichtige Organe zu verletzen, das Beckenumkreist und war am oberen und hinteren Theile deslinken Oberschenkels wieder ausgetreten. Aehnlichesbeobachtete das 12. Feldlazareth X. Armeekorps.Der Schusseingang befand sich an der äusseren Seite deslinken Oberschenkels; das Geschoss hatte seinen Weg nachinnen und oben hinter den Oberschenkelknochen genommenund war, ohne die äussere Haut zu durchbohren, zwischenMastdarm und Hodensack hindurchgedrungen, hatte daraufseine Richtung verändert, indem es nun zum rechten Ober-schenkel hinab drang, an dessen Aussenseite es sitzen blieb.Wie sich bei dem Herausschneiden des Geschosses ergab,

6