G. Weltliches und geistliches Drama 1055
Regiebemerkungen, nach denen sich die eigentliche Handlung zu vollziehenhat. Der Text gibt in seinen Rhythmen die Reden und Gesänge der han-delnden Personen, nämlich an einigen besonders wichtigen Stellen desStückes sind lyrische Partien eingelegt. Die Rhythmen, abgesehen vonder Lyrik, bestehen meist aus Dreizehnsilbern 1 mit merkwürdiger Freiheitim Pausenwechsel 2 oder aus Elfsilbern (4 - ^ + 7 - ^ ), die aber auch in derLyrik in Verbindung mit dem gewöhnlichen Achtsilber auftreten. Sehrwenig entwickelt ist der Strophenbau in dem Drama, alle Dreizehnsilberund Elfsilber reimen paarweise zweisilbig, den gekreuzten Reim zeigt dieLyrik. Der Schlußbau der Verse ist sorgfältig, dagegen wird Hiatus oft zu-gelassen. Jedenfalls hat die Form eine gewisse Selbständigkeit und ist vonden Regeln der Schule ziemlich unabhängig. Das entspricht aber der Eigenartim dramatischen Entwurf, die trotz vielfacher Anlehnung an Adso und an dieZeitverhältnisse groß genug ist. Denn die Erfindung geht weit über ihn hinaus.Zunächst hat der Dichter alles theologische Beiwerk abgeworfen und sich innichts eingelassen, was zur Wissenschaft und zum herrschenden Kirchenglau-ben gehört, wenn man vom Christologischen Vs. 201—208 und 329—348 ab-sieht. Und dann wächst in dem Drama „das 3 Antichristentum selbst wieein organisches Erzeugnis, das für sich ganz nur der Endzeit angehört, ausder Idee heraus, daß der gesamte Weltverlauf unter dem Konflikte religiö-ser Gegensätze sich vollziehe". Und bei dem Streit der politischen Mächtehandelt es sich in Wahrheit um einen großen Prinzipienstreit religiöserGegensätze 4 und Mächte. Und bei der Bedeutung und Größe des Stoffes istes von Wichtigkeit, daß es dem Dichter gelang, die Steigerung der Span-nung zu erzielen und die Handlung sich klar entwickeln zu lassen. Daß dieSynagoge dabei so gut wegkommt, erklärt sich wohl aus der Bedeutungder Propheten sowie daraus, daß der Dichter die Macht der Kirche da-durch so ungemein steigern kann.
Die Sprache des Stückes ist einfach und durchsichtig und natürlich durchdie Bibel und durch die Kirchensprache stark beeinflußt. Dagegen schaltenAnklänge an die alte Poesie fast ganz aus, nur eine einzige Stelle aus Vergilist mir aufgefallen. 5 Der zweisilbige Reim hat die Verständlichkeit derSprache nicht irgendwie beeinflußt und auch die Rhythmik des Dialogsist hier nicht störend eingetreten, zumal der Hiat sehr häufig ist (17mal).Jedenfalls geht das Drama fast nirgends über die Sprache des gewöhnlichenLebens hinaus. 6
Lyrisch sind gehalten Vs. 1—48. 151—170. 365—368. 399—402. Zur Anlehnung anAdso vgl. W. Meyer S. 6—12. Zu dem Stücke selbst vgl. v. Zezschwitz a. a. O. S. 84—141 und J.Wedde, Das Drama vom röm. Reiche deutscher Nation S. 5—15 und57—64. Außer den vielen von Meyer notierten Bibelstellen ist z. B. Vs. 252 Extollitcornua aus Psal. 74, 5 genommen.
1 Die Schemen s. bei W. Meyer a. a. O. 5 Vs. 87 Triumphi gloria est parcere de-
5. 186. victis hat ihr Vorbild in Aen. 6, 854.
2 Der Dichter bekam während seiner Ar- 6 Die zwei letzten Vershällten von 204 f.beit eine Vorliebe für die Pause nach der ergeben etwas umgestellt den Pentameter
6. Silbe, vgl. Meyer S. 187. Missus ab arce patris in deitate manens.
3 So G. v. Zezschwitz, Vom römischen Seltsam ist 325 vectis conjusionis. Mittel-Kaisertum deutscher Nation S. 88. alterlich ist 59 hominium, desgleichen 73
4 Nämlich des Heidentums, Judentums (78) invasorius.und Christentums.