G. Weltliches und geistliches Drama 1031
10. DE NUNTIO SAGACI
Das in vielen Handschriften meist unvollständig erhaltene Stück bestehtaus 375 Hexametern. In ihm treten drei Personen auf, der Dichter, derkluge Bote und ein Mädchen, doch so, daß das ganze Stück sich als Er-zählung des Dichters ausgibt, obwohl der Dialog meist lebendig gehandhabtwird. Man hat geglaubt, daß das Stück aus der späteren Komödie Pam-philus (S.1032ff.) gemacht worden sei, 1 doch hat Jahnke diese Ansichtwiderlegt und nachzuweisen versucht, daß ein Teil des Pamphilus auf ihmberuht. 2 Dagegen möchte ich nicht mit Jahnke das Gedicht ins 11. Jahr-hundert setzen, es gehört seines reinen Reimes wegen erst ins 12. Jahr-hundert. Jedenfalls ist es in Frankreich entstanden, wie der häufige Ge-brauch von stare = esse lehrt. Die Ähnlichkeit des Stoffes aber brachte esauch hier mit sich, daß das Gedicht bei Hugo von Trimberg 3 und anderwärtsmit dem Namen Ovidius puellarum belegt wurde. Seine Form ist in leoni-nischen Hexametern gegeben, die meist zweisilbig gereimt sind.
Schon dachte ich, sagt der Dichter, aus den Fesseln Amors mich gelöstzu haben, da erscheint er bei mir von neuem. Gehe zu Paris und Gany-med, meint er, aber verschone mich. ,Solange ich dir Untertan war, habenmich alle Göttinnen wegen meiner Schönheit aufgesucht, 4 und ich beschwöreMinerva, Venus und Juno anzuhören, was ich erlebt habe'. Er erzählt nun,daß er ein Mädchen gesehen hat, dessen Schönheit er mit Worten ausMaximian und Ovid schildert. Seine Liebe zu ihr sei erwacht, aber er habenicht gewagt, sie ihr zu gestehen. Deshalb habe er durch einen Boten Ge-schenke an sie geschickt und auf ihre Frage, warum er ihr Geschenke sende,habe der kluge Bote ihr mitgeteilt, daß der Schenkgeber sie, das schönsteMädchen, liebe und daß dieser ein Mann ohne Tadel sei. Sie weist aber denBoten zurück, da sie nicht darauf eingehen könne. Als der Bote ihr weiterzusetzt, entschlüpft ihr das Wort, daß sie den Jüngling sehen wolle, möchteaber dies Wort sofort ungesprochen machen. Der Bote bietet sich ihr alsFührer zu dem Jüngling an, der so fromm wie ein Lamm sei und die Liebenicht kenne, aber sie fürchtet, daß er sie dann mit dem Jüngling alleinlassen werde, und wenn die Mutter es erfahre, so werde sie von dieser undauch von den Verwandten übel behandelt werden. Endlich nimmt sie demBoten das Versprechen ab, nicht von ihr zu gehen. Dann erst begleitet sieihn, ,und ich', fährt der Dichter fort, ,wurde von ihrer Schönheit bezwungenund küßte sie. Als ich sie nun an einen abgeschiedenen Ort brachte, durch-schaute sie die List und rief ängstlich nach dem Boten. Doch erst als ichihre Liebe genossen, kehrte der Bote zurück, der ihre Verwirrung be-merkte und kräftig von ihr ausgescholten wurde'. Er entschuldigt sich, daßer ihr Rufen nicht gehört habe und völlig unschuldig sei. Als sie ihm aberdie Treulosigkeit des Sklaven vorwirft, meint er, es sei der Lauf der Welt,daß ein Jüngling ein Mädchen liebe, und fordert sie auf, sich mit dem jun-gen Mann zu verbinden. Und die Schöne ergibt sich in ihr Schicksal 5 und
1 Peiper, Archiv f. Literaturgeschichte Huemer, Wiener SB. 116, 181.)
5, 539. * Aehnlicher Stolz wie bei Maximian El. 1.
2 A. a. 0. p. 26 ff. 5 Vs. 260 Si placet hune teneo, si non pla-
3 Registr. mult. auctorum Vs. 734 f. (ed. cet, hunc retinebo.