F. Weltliche und geistliche Lyrik 1001
3. ACARDVS DE ARROASIA
Acardus, Augustinereremit von St. Nicolas d'Arrouaise (Pas-de-Calais),wurde von Bischof Johann von Therouanne zum Archidiakonus dieses Bis-tums erhoben und reiste 1108 mit dem Kardinallegaten Kuno, dem Bi-schof von Präneste, ins Heilige Land und wurde Prior des Tempels in Jeru-salem. Als solcher erscheint er von 1115 bis 1135 öfters in Urkunden. Späterverschwindet sein Name und so scheint er um 1136 gestorben zu sein.
Zeugnisse. Zum Leben vgl. die bei Marquis de Vogue in Archives de l'Orient latin1 562. 564f. genannten Stellen Versus de crucigeris Tarvennensibus 11 f. (bei Martene,Ampi. coli. 5, 540); Johannes de Collemedio, Vita s. Johannis Tervanensis 4,17 (ActaSS. Jan 2, 798); Ekkehardi Chron 1116 (MG. SS. 6, 251); Chartes de Josaphat N. 6 und8 (ed Fr. Delaborde p. 31. 35); Wilhelmus Tvrius 12, 13; Cartulaire du S SepulcreN.45. 67. 74. 102. 28 (ed. Roziere p. 84. 139. 149. 201. 53).
Acardus verfaßte als Prior des Tempels ein Gedicht von mindestens 611Fünfzehnsilbern Super templo Salomonis. Die königlichen Behördenin Jerusalem hatten nämlich von der marmornen und musivischen Beklei-dung des Tempels ungescheut genommen und, um das Verlorene ersetztzu bekommen, widmete Acardus sein Gedicht dem König Balduin, 1 wiesich aus den ersten dreißig Versen der Vorrede ergibt, die das AkrostichonBalduino regi prior templi Acardus besitzen, wozu Vs. 503 (Vogue) stimmtBalduine miles invictissime. In dieser Vorrede äußert sich Acard nämlichdarüber, daß andere Dichter den Krieg, ihre Länder oder ihre Götter be-sungen hätten, während er als Christ über den Tempel Salomos schreibenwolle. Christus möge ihm den König geneigt machen, auf daß dieser alleArmut von ihm nehme und diejenigen, die seit der Eroberung Jerusalemsdem Tempel seine Güter geraubt hätten, zu deren Rückgabe zwinge; dar-um bitte er, der Prior des Tempels. In dem Gedicht selber greift Acarduszunächst Stücke aus der Geschichte Davids heraus, erzählt von seinerVolkszählung und daß er in seiner Reue als Buße Gott einen Tempel gelobte.Auf eine Lücke in der Überlieferung folgt das große Dankgebet Salomosdafür, daß Gott das seinem Vater einst gegebene Versprechen erfüllt habe.Es folgt Salomos Opfer und Traum, seine Vielweiberei und sein Götzendienst 2und die Bestrafung Israels durch die Doppelherrschaft von Roboam und Jero-boam. Dann kommen die Zeiten Nabuchodonosors und die siebzigjährigeGefangenschaft, aus der das Volk erst durch Cyrus errettet wurde. VonCyrus gewinnt der Dichter den Übergang zu Alexander dem Großen undzu Antiochus, dem Feinde des Judas Makkabäus. Daran schließt sichdie Verkündigung des Johannes durch Gabriel, die Darstellung Jesu undder zwölfjährige Jesus im Tempel, Christi Versuchung, Austreibung derSchacher, Christus und die Ehebrecherin im Tempel. Dann werden diewunderbaren Erscheinungen berichtet, unter denen Christus geboren wurde,lebte und starb; zur Strafe für seinen Tod leben die Juden heute noch inder Zerstreuung; 3 mit kräftigem Realismus werden einzelne Schrecknisseberichtet, die bei der Belagerung Jerusalems sich ereigneten. Die Stadtund der Tempel werden zerstört, und zwar nach dem Glauben vieler Juden
1 Es läßt sich nicht ermitteln, ob Bai- Chamos ydolum.
dum I. oder II. gemeint ist. 3 Vs.504 (410 Vogue) p. 577 Et dispersa
Vs. 286 Colens Astarten Molochque sive gens Judea loco caret hactenus.