Druckschrift 
3 (1931) Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts
Entstehung
Seite
983
Einzelbild herunterladen
 

F. Weltliche und geistliche Lyrik 983

sei habe er nur mit Mühe und Tränen davon abbringen können, bei Gottselbst vorstellig zu werden. Wahrscheinlich hatte man den Dichter an denErzbischof vorgeschickt, und zwar für die erste Sache von Seiten einer poli-tischen Partei, die noch eine große deutsche Machterweiterung in Italienerstrebte; und in der zweiten Sache war es der Abt von St. Martin in Köln,der auf solche Weise die Bestrafung von Frevlern zu erlangen wünschte,die sich gegen sein Kloster vergangen hatten. Wenn auch der Humor indiese ernsteren Dinge schon leise hineinspielt, zum Durchbruch kommt ererst, als der Dichter sich schon nahe dem Tode schildert, aber trotzdemnicht geneigt ist, dem Pfalzgrafen zu verzeihen, der nämlich vor kurzemdurch eine rechtskräftige Bestimmung den Wein in den Rheinlanden ver-teuert hatte. So bedroht er den Pfalzgrafen scherzhaft mit allem apokalyp-tischenWehe", schließt aber sein Gedicht in behaglicher Stimmung,da er vom Abt zu St. Martin vortrefflich aufgenommen und reichlich mitWein geletzt worden sei. Und ins Jahr 1165 gehört wohl das letzte Gedicht.Wieder ist der Archipoet auf Reinaids Wunsch zu diesem zurückgekehrt.Er war nämlich wieder in Italien gewesen und in Salerno an heftigem Fiebererkrankt, so daß die Ärzte ihn aufgaben. Doch hatte ihn Arznei wiederher-gestellt, freilich als er seine Lebensweise ändern und als sein eigner Arzterscheinen wollte, wurde er nicht medicus, sondern mendicus, indem er seinGewand verkaufen mußte, um leben zu können. Das alles erzählt der Archi-poet in der ersten Hälfte des 10. Gedichtes, um in den folgenden Versendie großherzige Mildtätigkeit Reinaids zu rühmen und mit dem WortwitzSit jinis verbi verbum laudabile do, das zu schließen.

Zeugnisse. Der Name Archipoeta steht über den einzelnen Gedichten im Gotting.Philol. 170 und danach im Katalog des Amplonius von Ratinck 1412, der diese Hs.anführt, vgl. P.Lehmann 2,13,43. Er begegnet sonst noch in Dover 1389 (M.R. James, The anc. libr. of Canterb. and Dover S. 486 N. 384 = Oxon. Bodl. 851s. XIV f. 81b Archipoeta vide quod non sit cura tibi de 85 Pendo poeta prius te diximusarchipoetam) und bezieht sich hier auf Heinrich von Avranches, und bei Cäsarius vonHeisterbach (Illustr. mirac. et hist. memorab. 2, 16, Antverp. 1604, p. 76), doch beideStellen gehen nicht auf unsern Archipoeten. Die Geburtszeit läßt sich nur daraus ungefährermitteln, daß er in den wenigen uns erhaltenen Gedichten als fertiger Poet erscheint undalso wohl längere Uebung vorausgeht. Zur Abkunft und Bildung vgl. 6, 18 Fodere nondebeo, quia sum Scolaris, Ortus ex mililibus preliandi gnaris, Sed quia nie terruit labormilitaris, Malui Virgüium sequi quam te, Paris. Die Gründe für sein Studium in Frank-reich, nämlich Formenreinheit der Rhythmen, Herleitung des rhythmischen Geprägesvon Carm. 4 vielleicht aus Abaelards und von C. 9 vielleicht aus des Primas von OrleansGedichten 1 sowie der Gebrauch des Wortes gerra 7, 26, 2 sind nicht irgendwie zwingend.Die Ansetzung von Carm. 1 zu 1161 hat Schmeidler wohl richtig gegeben. Zu Bibelund Altertum vgl.die Noten in der Ausgabe von Manitius, 2 zur Charakteristik des Dich-ters vgl. daselbst S.18f. Zu der Formengebung vgl. besonders W. Meyer ; Ges. Abhdl.z. mittellat. Rhythmik 1, 263305 u. a. Am meisten gebraucht der Archipoet die tro-chäischen Dreizehnsilber zu viert reimend in jeder Strophe (3. 6. 7. 9), je einmal tro-chäische Achtsilber, zu zweit mit einem Siebensilber abwechselnd (5), Achtsilber mitTiradenreim (8), Zehnsilber in gereimten Strophen zu viert (2) und Vierzehnsilber zudritt in gereimten Strophen (3), endlich zweimal Hexameter, und zwar einmal leoninischmit monosyllabischer Endung, ausgenommen Vs. 14 (1), und das zweitemal die eineHälfte des Gedichts leoninisch, die andre Hälfte in Strophen von je vier gereimtenVersen (10). Diese beiden Gedichte stellen also eine Variierung des Hexameters dar.

Ueberlieferung. Sie ist im allgemeinen (außer der Beichte) sehr spärlich und be-steht in der Hauptsache aus Gotting. Philol. 170 s. XIII f. 18 in der Reihenfolge 2.8.

1 Vgl.W. Meyer, Gott. Nachr. 1907 S.170. bei Giraldus Cambrensis Speculum ecclesiae

2 Dies Gedicht ist öfters ganz und in 4, 15 (ed. Warner, Giraldi op. 8, 293).Teilen überliefert. Strophe 11.12 steht auch