948 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
sich durchaus weiblich gebärdete. Sie geraten schließlich in Streit dasschöne Mädchen tritt für die Liebe zu ihrem Geschlecht ein, während derJüngling für die Knabenliebe begeistert ist. Man beschließt, die Natur unddie Vernunft als Richterinnen anzurufen. Im Palast des Zeus finden siedie Natur mit Schöpfung beschäftigt, wobei ihr die Vernunft hilft. Die Vor-sehung steht bei ihnen und sagt, daß sie um den Streit wisse, ihn abereigentlich nicht wissen wolle. Jupiter und seine Söhne hören von ihrer An-kunft und die Götter versammeln sich, doch werden sie beim Anblick derbeiden schönen Menschen 1 rebellisch. Jupiter ruft den Ganymed, die Naturbereitet der Helena einen Sitz. Der Streit beginnt: Helena greift den Gany-med an, warum ihn sein Vater erzeugt habe, wenn er selbst nicht zeugenwolle; sie will die Liebe des Mannes der Frau zuwenden, 2 Ganymed dagegendem Manne. Beide werden recht anzüglich und besonders Helena sprichtvon einem sehr freien und rein natürlichen Standpunkt aus, während Gany-med sogar die Grammatik zu Hilfe ruft (Str. 36, 4) und den Standpunkt ver-tritt, daß sich die Knaben viel Geld mit der Liebe verdienen könnten. 3Helena schämt sich zwar, noch deutlicher zu reden, aber Ganymed redet ihrihre Bedenken aus, und so scheuen sich beide nicht, in den stärksten Aus-drücken und ohne jede Umschreibung von der Liebe zu sprechen, bis Helenaihren Widersacher ermahnt, vor den Göttern und der Natur sich zu mäßigen.Schließlich erklärt die Vernunft den Ganymed für besiegt: dieser ergibtsich in sein Schicksal und unter dem allgemeinen Jubel der Götter begehrter die Helena zum Weibe. Darüber erwacht der Dichter und bekennt, daßihm Gott diesen Traum eingegeben habe, durch den die Schuldigen auf.den rechten Weg geleitet werden sollten. Das Gedicht besteht aus 67 Va-gantenstrophen und zeigt eine große Beherrschung der poetischen Spracheund eine vielleicht noch größere Vertrautheit mit der antiken Götterwelt.Nur der Schluß ist christlich, sonst herrscht völliges Heidentum. Vielleichtgehört der Dichter der Schule von Orleans an, 4 die Erwähnung des Ölbaumsaber zeigt, daß seine Heimat der Süden war.
Ueberlieferung. Benutzt wird das Gedicht in der Ars rithmica des Vindob. 3121 beiZarncke, Leipz. SB. 1871 Bd. 23, 62, wo Str.l, lf. angeführt werden, und vielfach in denvon Walther, Das Streitgedicht etc. S. 203ff. und 206ff., gedruckten Gedichten. Hss.Berol. B. Santen. 28 f. 20 s. XIII (darauf De Phyllide et Flora); Vatic. reg. 344 s. XIII(vgl.Haureau, Not. et Extr. 29,2, 274); Vatic. 2714 s. XII f. 85; Bodl. Add. A44 s.XIII(Bibl. de l'ec. des chartes 47, 96); Basil. D. IV. 4 f. 70b (Kollation von J. Werner, Gott.Nachr. 1908, 465 f.). Ausgabe von Wattenbach, Ztschr. f. deutsch. Altert. 18,127—135.Vgl. Walther, Das Streitgedicht in der lat. Lit. des MA. S. 141 f.
6. CAUSA ACIS ET POLIPHEMI
Ein weiteres Streitgedicht mit antikem Hintergrund behandelt den Streitdes Hirten Acis mit Polyphem um den Besitz der schönen Nymphe Galatheanach Ovid Met. 13,750 ff. Die Form ist seltsam, denn es besteht aus sech-zehn Vagantenstrophen mit Binnenreim zu je drei Dreizehnsilbern, an die
1 20,1 Aurea cesaries nach Maximian Eleg. von Horaz (credat ludaeus Apella) herzu-1, 93. leiten, heißt hier soviel wie sine pelle, sme
2 33, 4 Aves jere pecora gaudent isto nexu. praepulio.
3 Es heißt 47,1 Subtusesses utinam planus 4 Daß er ein Franzose war, ergibt Str. 3, 2et apella; das Wort apella, in letzter Linie stabant = erant (vgl. 4,1).